Ein Morgen im Cholera-Zentrum von Arcahaie

Von DRK-Delegiertem Dr. Kyros Massarrat

Es ist früh am Morgen. Im Schein der Taschenlampe zeigt die Uhr viertel nach Vier. Zeit für die Frühvisite im Cholera-Behandlungszentrum in Arcahaie. Der Zustand der Cholera-Patienten kann sich binnen weniger Stunden schnell verschlechtern und lebensbedrohlich werden. Deshalb sind regelmäßige Visiten in engen Intervallen notwendig. Fünf bis sechs mal innerhalb von 24 Stunden mache ich diese Runde.

Die Visite beginnt. Im Empfangs- und Beobachtungsraum werden die Patienten untersucht und die Therapie je nach Schweregrad der Erkrankung eingeleitet. Ein Kind von ungefähr zwei Jahren fällt mir auf. Schlapp liegt es in den Armen seines Vaters, die Augen tief eingesunken, der Puls fast nicht tastbar. Seit den Abendstunden hat es schwere Durchfälle, und der Vater entschloss sich, noch in der Nacht unser Zentrum aufzusuchen. Zum Glück, den am Morgen wäre das Kind tot gewesen.

Schnell wird ein intravenöser Zugang gelegt. Eine Stirnlampe hilft, die unzureichende Beleuchtung auszugleichen. Die Anlage ist unter diesen Bedingungen erschwert, da die Venen durch den Flüssigkeitsverlust komplett zusammengefallen sind. In diesem Fall hilft das Glück mit. Die Infusion wird sofort eingeleitet, das Kind auf die Kinderstation, einem eigenen Zelt, verlegt.

Schnell sind die weiteren Patienten im Aufnahmeraum untersucht. Eine ältere Frau, mangelernährt und zu schwach zum Trinken, erhält auch eine Infusion und wird auf die Frauenstation verlegt. Vor einigen Tagen wäre eine solche Verlegung undenkbar gewesen, da sämtliche Stationen und auch der Aufnahmeraum überfüllt waren. Es war nach den schweren Regenfällen zu einem rapiden Anstieg von Erkrankungen gekommen. Patienten wurden zum Teil auf dem Boden behandelt. Viele kamen schon in einem sehr schweren Krankheitszustand in unser Behandlungszentrum. Nicht allen konnte geholfen werden. Es gab viele bittere Momente. An ausreichendem Schlaf und Erholung war über Tage hinweg nicht zu denken.

Die Visite wird in den Stationszelten fortgesetzt. Der typische Geruch von Erbrochenem, Durchfall, Schweiß und Nahrungsmitteln hängt schwer in der Luft. Doch das Leid der Patienten lässt jede Scheu und Widerwillen vergessen. Die Visite läuft zufriedenstellend. Einige Patienten haben sich über Nacht gut erholt, sie können im Laufe des Tages entlassen werden.

Angehörige der Patienten unterstützen sie nach Kräften. Für mich bedeutet das, sie immer wieder dazu aufzufordern, den Patienten Flüssigkeit anzubieten. Eine Mischung aus Unsicherheit, Angst, Respekt, Scheu und auch Unwissenheit erschweren dieses Vorgehen. Nicht selten stecken sich die Betreuer selber an, werden zu Betreuten. Der leicht Erkrankte hilft dem schwer Erkrankten. Im Anschluss der Visite lege ich mich hin. Es ist fünf Uhr morgens, eine schwache Dämmerung am Horizont ist auszumachen.

Die innere Uhr ist unerbittlich. Um acht Uhr wache ich auf. Keine 15 Minuten später beginnt die nächste Visite. Dem Kind geht es viel besser. Es ist immer wieder beeindruckend, wie schnell nach eingeleiteter Therapie sich manche Patienten erholen. Sobald es trinken kann, ohne ständig zu erbrechen, werden wir die Infusionstherapie einstellen können. Der älteren Frau geht es nicht so gut. Immer noch plagen sie Durchfall und Erbrechen. Sie ist schwer aufzuwecken, der Puls immer noch schnell. Mangelernährung, hohes Alter und wahrscheinlich vorhandene Begleiterkrankungen erschweren die Therapie.

Viele konnten wir in einem ausreichend zufriedenstellendem Zustand nach Hause schicken. Es ist ein schönes Gefühl, Patienten zu entlassen. Es ist die treibende Kraft. Es ist neun Uhr, Zeit für das Frühstück.

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