Kein Tropfen auf den heißen Stein: Meine Eindrücke aus Haiti

Vor genau zwei Wochen landete ich in Port au Prince. Im Gepäck: eine mobile Gesundheitsstation, die medizinische Grundversorgung für 20.000 Menschen leisten kann. Der Flieger war eine russische Transportmaschine, Iljusjin 76, sie kann 20 Tonnen mitnehmen und das war genau richtig.

Der Flughafen in Port au Prince ist seit dem Erdbeben überlaufenen, voll. Überall Hilfsgüter, Autos, Gabelstapler und US-Militärs. Schon auf dem Rollfeld kamen Menschen aus Port au Prince auf uns zu: Was bringt ihr mit? Kommt bitte zu meiner Straße, die ist am schlimmsten betroffen. Wo werdet ihr eure Zelte aufschlagen?

Wenige Tage später steht die Gesundheitsstation. Wir behandeln jeden Tag über 100 Patienten. Infizierte Wunden, die seit dem Erdbeben nur rudimentär versorgt sind. Knochenbrüche, Kopfverletzungen. Und Eltern, die mit kleinen Kindern kommen, die auf Grund von Durchfallserkrankungen schwach und leblos sind. Das Leben auf der Straße ist ein Leben im Dreck, und das macht vor allem die Kinder krank.

Portraitfoto eines dunkelhäutigen Jungen mit Kopfverband

Jean-Luis, 12 Jahre alt, hatte sich am Kopf und an der Hand verletzt und wurde in der Gesundheitsstation des DRK behandelt. (c) F. Barkenhammar, DRK

Am ersten Tag in der Gesundheitsstation treffe ich Jean-Luis, zwölf Jahre alt. Er ist am Kopf verletzt, und sein Zeigefinger an der rechten Hand ist schwer verklemmt. Ein Teil vom Dach fiel beim Erdbeben herunter. Ich mag Jean-Luis sofort, er hat Angst vor der Spritze der Lokalnarkose und weint. So ging es mir auch, als ich Kind war. Er erzählt mir zuerst brav, dass er Hausaufgaben gemacht hat, als die Erde anfing zu beben. Stimmt aber nicht, erfahre ich später. Er war draußen und hat gespielt. Als das Erdbeben losging, lief er so schnell er konnte ins Haus – zu seiner Mutter. Eigentlich muss man so schnell wie möglich raus, ins Freie, weg von Gebäuden. Aber Jean-Luis kindliche Intuition finde ich zutiefst rührend. Natürlich läuft ein Kind so schnell es kann zur Mama. Und natürlich gibt er, ganze zwölf Jahre alt, das nur ungern zu.

Am zweiten Tag verteilen wir Wasser an einem der vielen improvisierten Lager für Obdachlose. Einer von unseren unzähligen Tankwagen bringt etwa 10.000 Liter Trinkwasser. Das reicht für 1.000 Personen. Die Menschen warten ruhig und brav in einer Reihe, jeder mit einem Zehn-Liter Eimer, lassen ihren Eimer unter dem Schlauch voll laufen. Oft sind es kleine Kinder, die zum Wasser holen geschickt werden, und sie kämpfen mit dem Gewicht, sind aber vorsichtig, wollen das kostbare Wasser nicht verschütten.

Manchmal fragen mich Menschen in Deutschland, ob unsere Hilfe nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Wir können doch nicht allen Obdachlosen helfen! Es gibt doch Menschen, denen noch gar nicht geholfen wurden! Das stimmt alles. Aber wenn ich sehe, wie ein junges Mädchen das Wasser zu dem selbst gebastelten Zelt trägt, wie ihre Familie darauf wartet, wie die Mutter das Wasser nimmt und anfängt zu kochen, dann bin ich wahnsinnig stolz. Auf irgendeine Art bin ich Teil von dieser Hilfe, habe meinen Beitrag zum Wasser in diesem Eimer beigetragen. Der Spender, der fünf Euro gespendet hat, hat auch einen Teil zu genau dem Wassereimer beigetragen. Und das ist ein tolles Gefühl.

2 thoughts on “Kein Tropfen auf den heißen Stein: Meine Eindrücke aus Haiti

  1. Michael aus Erlangen

    Viel Erfolg bei Ihrem Einsatz!Vor allem: kommen sie gut wieder nach Hause!
    Viele Grüße, besonders auch an Susanne Otto aus Bouton!

  2. Wilfried

    Gerhard ich wünsche dir und allen ERU Kollegen einen Unfallfreien Einsatz. Schön das du Zeit findest neben deiner Arbeit unsere Neugierde zu befriedigen.

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