Pakistan: Flutopfer kehren in ihr zerstörtes Dorf zurück

Von Dieter Mathes, ERU-Teamleiter des DRK in Thatta, Pakistan

Endlich nach Hause, so würde es bei uns heißen, wenn wir nach mehr als sieben Wochen die Rückreise in unser Haus, nach einer schweren Flutkatastrophe antreten könnten. Euphorie würde sich breit machen. Nicht so bei Familie Memon in Thatta im Süden Pakistans, wo die verheerenden Überschwemmungen ihnen alles genommen haben. Sieben schwere Wochen haben sie ausgehalten in einem Lager 40 km von dem Dorf entfernt, in dem sie wohnen. In einem viel zu kleinen Zelt haben sie gewohnt – nur mit dem nötigsten Hab und Gut ausgestattet. Zwei einfache Betten dienen ihnen als Schlaf- und Kommunikationsplatz.

Sieben Wochen sind sie nur mit dem Nötigsten versorgt worden, um zu überleben. Wasser bekamen die Memons von einem Wasseraufbereitungsteam aus Deutschland und Österreich, Essen, wenn es welches gab, von der Regierung, medizinische Betreuung durch ein Team aus dem Iran.

In dem Dorf, in dem sie zu Hause sind, so erzählte uns der 13jährige Rashid, gibt es keine Toilette und auch keine Seife oder Zahnpasta. Wie man so etwas benutzt, hätten sie in den sieben Wochen im Camp Jail City von unseren Hygiene-Trainern gelernt. Auch, das Camp sauber zu halten und allen Schmutz zu beseitigen, damit keine schlimmen Krankheiten ausbrechen können.

„Das einzig Gute“, so Rashid „ich habe neue Freunde gefunden. Mit meiner Mutter und meinen zwei kleinen Schwestern werde ich morgen zurück in mein Dorf fahren.“ Zusammen mit anderen Bewohnern werden sie mit einem LKW in die Nähe des Dorfes gebracht. Den Rest, etwa 5 km müssen sie zu Fuß gehen und ihre kleine Habe nach Hause tragen. „Mein Vater ist schon seit zwei Tagen zu Hause und versucht schon unser Haus bewohnbar zu machen“, erzählt Rashid aufgeregt.

Am nächsten Tag begleiten wir die Familie zurück in ihr Dorf. Vorfreude macht sich bei den Kindern breit, endlich wieder nach Hause zu kommen. Ihre Mutter ist eher still und abwartend. Vor Sonnenuntergang erreichen wir das Dorf. Entsetzen macht sich breit. Nur noch einige Mauern sind von den Lehmhäusern übriggeblieben, fast alles wurde von den Fluten weggewaschen. Es gibt nichts mehr.

Die Familie hat alles verloren.

Vater Mohammad, der Bauer ist und die Familie immer, wie er betont, ernähren konnte, steht vor dem nichts. Die Ernte ist vernichtet und für die nächste Ernte fehlt ihm das Geld. Saatgut und Düngemittel werden dringend gebraucht. Nur seine zwei Wasserbüffel hätten die Katastrophe überlebt, so Vater Memon.
Die Tiefbrunnen, aus denen sie ihr Trinkwasser bezogen, sind versandet oder das Wasser schmeckt salzig. Nun nehmen sie Wasser aus einem nahen Seitenarm des Indus, das sehr trüb ist und faulig riecht, „schlechtes Wasser“, stellt Rashid fest.

Wir sitzen vor dem Haus, besser gesagt vor dem, was davon übrig geblieben ist. Andere Dorfbewohner gesellen sich zu uns und wir besprechen mit ihnen, wie wir ihnen helfen können. In der ersten Not verteilen wir kleine Beutel mit Pulver, um das schmutzige Wasser aufbereiten zu können. In diesen Beuteln befindet sich Aluminiumsulfat und Chlor, um etwa 10 Liter Wasser genießbar zu machen. „Das kenne ich“, ruft Rashid und zeigt den anderen Dorfbewohnern wie man die Beutel benutzt, „das habe ich in Jail City gelernt“ fügt er noch eilig hinzu.

Da wir unsere Trinkwasseraufbereitungsanlage etwa 20 km entfernt installiert haben, werden wir das Dorf mit sauberem Trinkwasser in naher Zukunft versorgen können. Um die Brunnen wieder in Stand zu setzen, fehlen Material und Geld. Wenn sie das hätten, könnten sie in ein paar Wochen wieder “gutes Wasser“ trinken, erklärt der Dorfälteste. Es fehlt überall, das sehen wir auf Anhieb: Baumaterial wie Holz, Steine, Sand, Zement etc. sind von Nöten für den Wiederaufbau der Häuser. Zunächst müssen die Bewohner unter einer Zeltplane wohnen und hoffen, dass die Hilfe auch bei ihnen bald ankommt.

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