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Die Zeltstadt im Fußballstadion – Das Feldhospital des DRK 2/3

Ulrike Koltermann ist dpa-Korrespondentin in Paris und berichtet über das DRK-Feldhospital in Port-au-Prince wenige Wochen nach dem verheerenden Erdbeben. Dieser Beitrag ist der zweite Teil ihrer Reportage vom 10. Februar 2010, die wir in drei Teilen veröffentlichen.

von Ulrike Koltermann

Ein Krankenhaus entsteht in drei Tagen

Das Feldhospital in Carrefour wird aufgebaut

In wenigen Tagen wird ein komplettes Krankenhaus aufgebaut © Stefan Trappe, DRK

Der Aufbau der Zeltstadt, die mit ihrer Ausstattung etwa einem Kreiskrankenhaus entspricht, war eine logistische Meisterleistung. Unter normalen Umständen braucht der Bau eines Krankenhauses Jahre – hier war alles schon kurz nach der Katastrophe einsatzbereit. „Drei Tage von der Ankunft der ersten Kiste bis zum ersten Patienten“, sagt Holger Schmidt, der für die Organisation zuständig ist, mit Stolz. Haiti bekam die Komplettversion eines Krankenhauses mit Ambulanz, Apotheke, Röntgengerät, Labor, Geburtshilfe und Operationssaal. Vier große weiße Zelte mit bis zu 170 Feldbetten dienen als Krankenstationen und etwa 60 internationale Experten arbeiten in der Klinik, etwa die Hälfte davon aus Deutschland. Die Mitarbeiter schlafen in silbrigen Tunnelzelten. Das Trinkwasser wird in einer eigenen Anlage aufbereitet, bis zu 60 000 Liter täglich.

Die Rot-Kreuz-Familie ist die einzige Hilfsorganisation, die Feldkliniken in dieser Größe zur Verfügung stellen kann. Weltweit gibt es drei Stück davon. Der Aufbau der Klinik habe etwa drei Millionen Euro gekostet, sagt Schmidt. Davon sei schon fast eine Million nur für den Transport draufgegangen. Der Einsatz rechne sich aber: In China seien nach dem Erdbeben rund 76 000 Patienten in einer solchen Klinik behandelt worden. Sie dient nicht nur der Nothilfe für die Opfer des Erdbebens, sondern sie soll die Gesundheitsstruktur im Land stärken. Deswegen wird sie nach mehreren Monaten an das haitianische Rote Kreuz übergeben.

„Bevor wir die Klinik übergeben, müssen wir aber noch einen Ersatz für die Zelte finden“, sagt Schmidt. In ein paar Wochen beginnt die Regensaison mit ihren Wirbelstürmen. Wenn die Hunderttausenden Obdachlosen dann noch immer in ihren Zelten aus Stöcken und Bettlaken hausen, droht neues Chaos, das man sich nicht ausmalen mag. Das Rote Kreuz will die Zeltklinik bis dahin in Fertigbau-Häuser unterbringen. Möglicherweise findet sich auch ein leerstehendes Gebäude.

Erfolgreiche Traumabehandlung

Aus einem der Zelte dringt fröhliches Singen und Klatschen. Hier kümmern sich Betreuer um traumatisierte Kinder. Das Zelt ist mit Luftballons und Girlanden dekoriert, an der Zeltwand hängen Kinderbilder.

Ein Helfer kümmert sich um ein traumatisiertes Kind im Feldhospital in Carrefour

Im Feldhospital des Deutschen Roten Kreuzes kümmern sich Helfer spielerisch um traumatisierte Kinder © Stefan Trappe, DRK

Eines zeigt ein schreiendes Kind, das in einem Haus eingesperrt ist – vermutlich eine Reaktion auf das eigene Erlebnis des Erdbebens. Mehrere Kinder stehen im Kreis und singen. Dann tritt ein Mädchen mit vielen vom Kopf abstehenden Zöpfen in die Mitte und macht eine Geste, als wolle sie etwas auf den Boden legen. „Ich lege die Verzweiflung in meiner Familie hier ab“, sagt sie und lächelt schüchtern. Die Betreuer und die anderen Kinder klatschen Beifall.

Die Zeltstadt im Fußballstadion – Das Feldhospital des DRK 1/3

Ulrike Koltermann ist dpa-Korrespondentin in Paris und berichtet über das DRK-Feldhospital in Port-au-Prince wenige Wochen nach dem verheerenden Erdbeben. Dieser Beitrag ist der erste Teil einer längeren Reportage vom 10. Februar 2010, die wir in drei Teilen hier veröffentlichen. Vielen Dank an dpa für die kostenlose Bereitstellung des Beitrags.

von Ulrike Koltermann

Port-au-Prince (dpa) – Jésunette hält ihre Tochter erschöpft im Arm. Das Mädchen hat noch feuchte Haare und bekommt die Augen kaum auf. Sie kam vor wenigen Minuten auf dem Beifahrersitz eines Autos des Deutschen Roten Kreuzes zur Welt. Das Leben geht weiter in Haiti. Jésunette hat das verheerende Erdbeben vor gut drei Wochen hochschwanger überlebt. Ihr Haus ist zerstört, sie lebt mit ihrer Familie in einem Zelt. Im Moment spielt das alles keine Rolle für sie. Sie blickt auf das winzige Bündel, das seine Hände zu Fäusten geballt hat, und sieht glücklich aus.

Luftaufnahme eines Fußballfeldes mit ca. 30 Zelten

Das mobile Krankenhaus des DRK in Carrefour, Haiti © Keppeler, DRK

Die junge Mutter hat Glück gehabt, dass Helfer sie in das Feldkrankenhaus des Roten Kreuzes gebracht haben, das aus einer Zeltstadt auf einem Fußballplatz besteht. Nach Schätzungen der Regierung kamen in Haiti etwa 217 000 Menschen ums Leben und 300 000 wurden verletzt. Die Kliniken und Ambulanzen in der Hauptstadt Port-au-Prince waren schon vor dem Erdbeben in einem desolaten Zustand. Diejenigen, die nicht zerstört sind, sind hoffnungslos überfüllt. Viele Patienten lagern im Freien,
weil es keine Betten mehr gibt und sie Angst vor Nachbeben haben.

Der Impfstoff wird über die Autobatterie gekühlt

„Das Schlimmste, was einem jetzt in Haiti passieren kann, ist eine Blinddarmentzündung oder ein Kaiserschnitt“, sagt der Münsteraner Kinderarzt Joachim Gardemann, medizinischer Leiter der Zeltklinik. „Sämtliche Ressourcen sind von der Erdbebenhilfe absorbiert“, erklärt er. Dabei müssten die Krankheiten des Alltags auch dringend versorgt werden. Zudem drohen neue gesundheitliche Probleme in den vielen improvisierten Zeltlagern in der Stadt. Dort hocken Tausende auf engstem Raum unter katastrophalen Bedingungen zusammen. Insgesamt haben eine Million Menschen in Haiti kein Dach mehr über dem Kopf.

Joachim Gardemann behandelt einen kleinen Patienten im DRK-Feldhospital © Stefan Trappe, DRK

„Die Gefahr geht nicht von den Leichen aus, sondern von lebenden Patienten“, sagt Gardemann. „Es werden dringend Latrinen gebraucht. “Masern könnten ein großes Problem werden, da sie von Mensch zu Mensch übertragen werden und nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung immun seien. Das Rote Kreuz hat mit einer großen Impfkampagne begonnen. Die Helfer gehen von Haus zu Haus, die Kühlung für den Impfstoff wird über den Zigarettenanzünder des Autos mit Batterie-Strom versorgt. Auch Dengue-Fieber und Malaria könnten sich ausbreiten.

Verletzungen durch Erdbeben sind oft stark verschmutzt. Wenn sie zu schnell zugenäht werden, können sie sich entzünden. In Haiti wurden nach dem Beben zudem Amputationen an schätzungsweise 6000 Menschen vorgenommen – teils ohne Verwendung von professionellem Operationsbesteck. Viele von ihnen müssen jetzt nachbehandelt werden, um Komplikationen zu vermeiden oder Prothesen anpassen zu können.

Marcus Sting über die Arbeit im Feldhospital in Carrefour

Marcus Sting aus Westfalen-Lippe ist seit gut einer Woche als Base Camp Manager für das DRK in Haiti. In einer Email schilderte er uns die Eindrücke seiner ersten Tage:

Marcus Sting, Base Camp Manager aus Westfalen-Lippe © Stefan Trappe, DRK

“Mittlerweile arbeiten im Rotkreuzkrankenhaus in Carrefour Delegierte aus der ganzen Welt, wie z.B. aus Deutschland, Finnland, Belgien, Niederlande, Australien, Hongkong, Haiti, Qatar, Schweiz, Österreich und Kanada . Die über 80 Delegierten leben im Base Camp direkt neben dem Rotkreuzkrankenhaus. Das Basecamp ist eine eigene Emergency-Response-Einheit, um in Katastrophengebieten für eine Vielzahl von Helfern eine Unterkunft bereit stellen zu können.

Fast jeden Tag reisen Delegierte ab und gleichzeitig kommen die Ablösungen für die nächsten 3-4 Wochen an.  Da nicht alle Delegierte zur  gleichen Zeit nach Haiti gereist sind, überlappen sich die Einsatzzeiten. Die Größe des Krankenhauses erfordert eine nicht unerhebliche Anzahl von Ärzten, Ärztinnen, Krankenschwestern und Krankenpflegern, Technikern, Elektrikern und Spezialisten.

Luxus im Basecamp

“Luxus” wird hier im Base Camp nur in einem geringen Rahmen geboten. Zu diesem Luxus gehören selbstgegrabene Toiletten, Duschen mit kaltem Wasser, ein Waschraum und eine kleine Feldküche. Um 5 Uhr morgens kehrt langsam Leben ins Base Camp ein. Denn die Schichten auf den Krankenstationen beginnen um 6 Uhr. Meistens kann  man durch die Hitze in der Nacht sowieso nicht länger schlafen. Das Küchenteam fängt bereits um 3 Uhr in der Früh mit den  Vorbereitungen für das Frühstück an. Bei über 80 Delegierten muss täglich einiges organisiert werden. Die Techniker des Krankenhauses sorgen selber für die Produktion von Trinkwasser und kümmern sich um die Generatoren, damit das Krankenhaus und das Basecamp genug Strom zu Verfügung haben. Es ist eine gewaltige Organisation nötig, die neben dem medizinischen Krankenhausbetrieb durchgeführt werden muss. Der Müll muss entsorgt werden, die Toiletten und Duschen müssen gereinigt werden und es müssen z.B. Sickergruben für das Abwasser gebaut werden.

Sicherheit im Krankenhaus – selbstgemacht

Zur Zeit befassen wir uns mit Plänen für die Ausschilderung von Notausgängen, Kennzeichnungen von Feuerlöschern und Löschwasserleitungen. Eine Feuerwehr gibt es nämlich hier in Carrefour nicht. Bei 80 Delegierten, lokalen Mitarbeitern in der Technik, im Krankenhaus und in der Küche und den vielen Patienten kann schnell einmal ein Feuer ausbrechen. Da das Krankenhaus und das Basecamp nur in Zelten untergebracht ist, könnte es schnell zu einer Katastrophe kommen. Da Ende März die Regenzeit anfängt, wird zur Zeit alles vorbereitet, um den Krankenhausbetrieb und das Base Camp weiter betreiben zu können. Die Techniker graben Wege, die mit Kies aufgefüllt werden, und bauen Drainagen, damit die Zelte bei starkem Regen nicht überschwemmt werden.

Alles in allem ist es ein großes Zeltlager. Für mich ist es am eindrucksvollsten, das aus so vielen Ländern Rotkreuzhelfer nach Haiti kommen, die sich noch nie im Leben gesehen haben und zusammen in diesem Krankenhaus arbeiten und ein Ziel verfolgen: Den Menschen alleine nach dem Maß ihrer Not zu helfen.”

Gardemann in Haiti: Barfuß zur Not-Operation

Nachfolgend ein schöner Beitrag aus der Münsterschen Zeitung über den Rotkreuz-Helfer Joachim Gardemann:

Das Hemd wechselte, doch die braune Weste hatte Joachim Gardemann bei seinem Einsatz im Krisengebiet von Haiti fast immer an. Auch als er in kurzen Hosen, mit nackten Füßen und Instrumenten, die Schwestern hektisch aus Kisten suchten, zwei Schussopfer operierte.

Das DRK-Feldhospital auf einem Fußballfeld in Carrefour, Haiti © Stefan Trappe, DRK

Die Kranken warteten nicht, bis das Rote Kreuz sein Hospital in einem Fußballstadien in der Hafengegend Carrefour errichtet hatte. Sie waren da. Immer. Überall. Menschen, die gerade erst operiert worden waren oder dringend eine Operation benötigten, lagen auf Straßen und in Parks, als der Münsteraner mit seinem Team in Haiti ankam. „Wenn sie keine Angehörigen hatten, die sich um sie kümmerten, sind sie verhungert oder verdurstet“, sagt Gardemann. Vier Wochen hatte der Kinderarzt als medizinischer Leiter im mobilen DRK-Krankenhaus gearbeitet. Sonntag war er von seinem achten Kriseneinsatz zurückgekehrt. Am Mittwoch berichtete er von seinen Erfahrungen.

Haiti sei nach Ruanda sein zweitschwierigster Einsatz gewesen. Nichts habe funktioniert, nichts sei vor Ort gewesen. Um 100 Liter Diesel zu besorgen, sei ein Mitarbeiter mitunter einen Tag unterwegs gewesen. Das Krankenhaus verbraucht für den Stromgenerator und die Autos 300 Liter am Tag. „Wenn wir eine Blutkonserve aus dem zwei Kilometer entfernten haitianischen Krankenhaus holen mussten, dauerte es aufgrund der zerstörten Straßen und fehlender Verkehrsregeln ebenfalls einen Tag“, sagte Gardemann. „Das war extrem frustrierend.“

Drei-Jahres-Plan

Die haitianische Gesundheitsversorgung sei katastrophal, viel schlechter als in Kenia oder Tansania. Das Rote Kreuz entwickelt deshalb einen Drei-Jahres-Plan für die Hilfe vor Ort und sucht zunächst ein Gebäude, in das das mobile Krankenhaus vor Beginn der Regenzeit im April ziehen kann. „Schon am 28. Januar, 16 Tage nach dem Erdbeben, hatten wir mehr Patienten mit Blinddarmentzündungen, Geburten, Herzinfarkten oder Schussverletzungen als Erdbebenopfer“, so Gardemann. Dazu kommen 40 bis 50 Malaria-Fälle pro Tag, weil fast 80 Prozent der Haitianer unter freiem Himmel leben.

Ruhepausen fanden die 80 Mitarbeiter kaum. „Wir waren nahezu 24 Stunden im Dienst und immer über Funk miteinander verbunden“, sagt Gardemann. „Anders funktioniert die Hilfe nicht.“

Quelle: Münstersche Zeitung

Großartige Arbeit in Haiti geleistet

“Liebe Kolleginnen in Berlin, Marburg und der übrigen Republik, ich bin gut in Haiti angekommen”, schreibt Gabriele Müller-Stutzer, Oberin der DRK-Schwesternschaft Marburg e.V., in einer kurzen Nachricht an den Verband der Schwesternschaften vom DRK e.V. und erzählt von der großartigen Arbeit, die die Kollegen in den vergangenen Wochen geleistet haben. “Sie haben ein hervorragendes Hospital-set-up errichtet. Ich werde ab morgen daran arbeiten, eine midterm solution für den Krankenhausbetrieb in lokalen Strukturen zu finden. Lebensbedingungen für expat teams sind inzwischen gut und bei Temperaturen um 40 ° Celsius ist der deutsche Winter sehr weit weg.”

Eindrücke von Gerhard Tauscher, Teamleiter einer Basisgesundheitssstation in Haiti

Der folgende Text erreichte uns letzte Woche per Email und beschreibt die Eindrücke von Gerhard Tauscher, Leiter einer DRK-Basisgesundheitsstation in Haiti. Er hatte für diesen Blog schon einmal ein paar Fragen beantwortet.

Gerhard Tauscher in der DRK-Gesundheitsstation in Port au Prince, © DRK

“Ich bin seit fast vier Wochen hier im Land. Die Zeit ist extrem schnell vergangen und zugleich erscheint unsere Anreise Monate zurückzuliegen. So viel ist passiert, so viele Eindrücke und Bilder haben auf uns gewirkt.

Das Team hat schon zur Hälfte rotiert. Wir hatten bisher ein gutes Handover mit den neuen Teammitgliedern. Meine drei Schweizer Kollegen (Eugen, Sarah und Meta) sind wieder international besetzt worden. Als Hebamme kam Anneli aus Finnland. Sie hat ihre 4 Kinder und Mann zurückgelassen und ist hier auf ihrer „First Mission“ für das Rote Kreuz.

Meine beiden neuen Kanadischen Kollegen Luz und Andre, sind „alte“ Hasen und sorgen endlich dafür, dass Englisch als interne offizielle Sprache durchehalten wird. Björn, unser Allgemeinmediziner aus Island ist fast traurig, nicht noch mehr Deutsch zu lernen. Im Laufe der nächsten Woche wird dann das deutsche „Kernteam“ rotieren.

Heute, vier Wochen nach dem verheerenden Erdbeben, ist nationaler Trauertag. Vor allen Gotteshäusern stehen Menschenmassen in weißen Gewändern, die keinen Platz mehr in der Kirchen finden. Über Lautsprecher wird der stundenlange Gottesdienst nach außen übertragen. In der BHCU (Basic Health Care Unit = Basisgesundheitsstation) war entsprechend nur geringer Andrang. Nur dringende Fälle suchten uns auf. Solch ein ruhiger Tag tut uns auch gut. Man kann neue Kräfte sammeln und seine Gedanken für die nächsten Wochen, die noch vor uns liegen, sortieren.

Unterwegs mit einer mobilen Ambulanz in Port-au-Prince

Schnell bildet sich eine Schlange von Menschen (c) Stefan Trappe, DRK

Ärzte und Schwestern des Deutschen Roten Kreuzes fahren mit dem Landcruiser hinaus in die Lager der Obdachlosen. Im Auto fahren ein Arzt und zwei Schwestern bepackt mit Verbandsmaterial, Medikamenten und einfachen Untersuchungsgeräten direkt in die Lager, in diesem Falle direkt vor ein Lager. Neben einer Bushaltestelle werden flott ein Tisch und zwei Stühle aufgestellt, die Alukiste mit den Medikamenten und Verbandsmaterialien wird als Regalschrank auf einer leeren Coca-Cola-Kiste platziert und schon sind die ersten Patienten da.

Die Ambulanz spricht sich rum – die Schlange wird länger und länger

eine Krankenschwester hockt vor vor einer junge Haitianerin, die auf einem Stuhl sitzt

(c) Stefan Trappe, DRK

Die Hebamme Meta Marz sortiert zuerst mal alle Schwangeren aus der Warteschlange heraus und untersucht sie separat von den anderen Patienten. Sie befragt die Frauen nach ungewöhnlichen Vorkommnissen, fühlt und tastet den Bauch, achtet auf Herztöne und Bewegungen des Kindes im Mutterleib. Parallel dazu hört Dr. Claus Unger reihenweise junge Männer mit dem Stethoskop ab, die möglicherweise an einer Atemwegsinfektion leiden.

So geht es den ganzen Tag weiter. Alte Wunden und Hauterkrankungen bei Kindern werden untersucht, Medikamente verordnet und die Einnahme erklärt. Auf der Straße geht der ganz normale Verkehr weiter, Busse kommen und gehen und eine kleine Straßenküche direkt nebenan bietet frische Pommes und Gulasch an. Die Temperaturen liegen um die 35°C. Es spricht sich schnell herum, dass hier das Deutsche Rote Kreuz Patienten ambulant behandelt und die Warteschlange wird länger und länger. Einige Patienten müssen sich zur Weiterbehandlung in großen Krankenhäuser begeben, die das Rote Kreuz in der Stadt aufgestellt hat.

Die Menschen sind dankbar für die Hilfe – körperlich und seelisch

(c) Stefan Trappe, DRK

Nach drei Stunden hat das Team über 150 Patienten behandelt. Die mobile Ambulanz wird morgen wieder kommen müssen. Die Menschen in den zerstörten Vierteln und in den Zeltstätten der Stadt benötigen dringend ärztliche Hilfe und haben selbst keine Möglichkeit, den weiten Weg in ein funktionierendes Krankenhaus zu gehen. In der mobilen Klinik werden sie kostenlos behandelt und sie genießen es sichtlich, dass sich jemand ihre Geschichte anhört, sie befragt, untersucht und sie ernst nimmt mit ihren Problemen.

Bevor Dr. Claus Unger die Kisten wieder schließt, verspricht er den umstehenden Menschen: „Wir kommen wieder“.

Claus Muchow: Intensivstation komplett belegt

In den Ruhr-Nachrichten erschien am 4. Februar ein schöner Artikel über den Rotkreuz-Helfer Claus Muchow. Hier der Original-Text mit freundlicher Genehmigung der Ruhr-Nachrichten:

Portraitfoto von Claus Muchow in roter Rotkreuz-Weste

Claus Muchow, für das DRK als Technischer Leiter in Haiti im Einsatz (c) Stefan Trappe, DRK

Claus Muchow, für das DRK als Technischer Leiter in Haiti im Einsatz, ist mit dem Fortschritt der Arbeiten an dem neuen mobilen Krankenhaus im Fußballstadion von Carrefour ganz zufrieden: „Es ist immer noch ein Provisorium, aber es läuft.“

Seine aktuelle Bilanz: 60 Patienten werden dort rund um die Uhr stationär betreut, die zehn Betten der Intensivstation sind komplett belegt. Muchow: „Hier laufen etwa zehn Operationen am Tag, zudem werden etliche Patienten ambulant versorgt.“ Erstmals waren es am Dienstag 200 Menschen, die Hilfe suchten. Und es werden noch mehr, glaubt Muchow: „Dass es uns gibt, macht jetzt die Runde.“

Medizinische Bandbreite

Und behandelt wird das ganze medizinische Spektrum. „Wir hatten natürlich Opfer des Erdbebens, die sich beim Bergen Beine oder Becken gebrochen, oder anders verletzt haben, aber auch ganz normale Patienten.“ Muchow listet auf: Blinddarm-Operationen, Zwillingsgeburten, Steißlagen – einfach alles. Man habe sich mittlerweile zu so etwas wie einem Kreiskrankenhaus entwickelt.

Luftaufnahme eines Fußballfeldes mit ca. 30 Zelten

Das mobile Krankenhaus des DRK in Carrefour, Haiti (c) Keppeler, DRK

Das bedeutet aber auch, dass das Krankenhaus nicht allen Anliegen entsprechen kann. „Wir müssen auch Leute abweisen. Für die reine Pflege zum Beispiel sind andere Strukturen da.“ Muchow und sein Team sind derweil damit beschäftigt, die Infrastruktur des Hospitals weiter auf Vordermann zu bringen – Abwasser-Entsorgung, Elektrizität. „Die Wäscherei hat gerade eröffnet, allein durch die OPs sind ganze Berge an Wäsche zusammengekommen“, erzählt der DRK-Katastrophenhelfer.

Positive Perspektiven

Und sein persönlicher Arbeitsalltag hat sich auch verbessert: „Ich nähere mich langsam wieder einem 12-Stunden-Tag, der Druck wird weniger.“ Und wenn er schon professionell eine positive Entwicklung feststellen kann, sieht das für Claus Muchow ganz privat auch nicht anders aus: „Ich habe gerade die Flugpläne bekommen und bin sehr optimistisch, dass ich am 15. Februar wieder zurück in Steinfurt bin.“

Dann erwartet ihn ein wahrlich bizarres Kontrastprogramm zu den Wochen zuvor – an dem Datum ist Rosenmontag.

Quelle: Ruhr-Nachrichten

Ein kurzer Bericht von Prof. Gardemann, Kinderarzt im Hospital in Carrefour, Haiti

Joachim Gardemann ist Kinderarzt im mobilen Krankenhaus des DRK in Carrefour in Haiti. Zuvor war bereits im Sudan, Iran, auf  Sri Lanka und in China. Hier schildert er die Begegnung mit einer Patientin und die Lebensumstände der Haitianer.

Joachim Gardemann mit seinem kleinen Patienten (c) Stefan Trappe, DRK

“Auf dem Foto sieht man ein kleines Kind, das mit starker Unterernährung ins Feldhospital eingeliefert wurde. Die junge Mutter ist allein erziehend, ihr Haus wurde durch das Erdbeben völlig zerstört. Es ist ihr erstes Kind, mit dem sie seit dem Erdbeben auf der Straße unter einer gespendeten Plastikplane lebt. Die einzige Unterstützung erhält die Frau durch ihre Mutter, die sie auch auf Station bei der Pflege ihres Kindes ablöst. Hier in Haiti ist es üblich, dass die Familie sich um die Pflege und Versorgung der kranken Angehörigen kümmert. Für uns in Deutschland kaum vorstellbar, aber die Angehörogen verbringen Tage auf dem Boden neben dem Bett, um für Essen zu sorgen, den Angehörigen zu waschen, ihm frische Wäsche zu bringen.

Ich denke immer: ‘Der Mensch schaut dich an und du bist gezwungen dich zu entscheiden’. Ich habe mich entschieden zu helfen, dem kleinen Leben Sicherheit und Halt zu geben, es nicht fallen zu lassen. Wir versuchen hier alle über die momentane, medizinisch angemessene Hilfe hinaus eine Botschaft von Hoffnung und Solidarität zu vermitteln. Ich bin überzeugt, dass  schon diese Erfahrung den Menschen, die zu uns ins Rotkreuz-Hospital kommen Kraft geben und ihren Überlebenswillen stärkt. Das ist es, was die Menschen dringend benötigen, um die Folgen des schrecklichen Erdbebens besser bewältigen zu können.”

DRK-Delegierte rettet zwei durch Schüsse verletzte Patienten

Seit dem 16. 1. ist Ann-Christine Schulz in Haiti und hat in ihrer Funktion als FinAdmin Delegierte zunächst die Basisgesundheitsstation (BHCU) des DRK mit aufgebaut und betrieben, dann dasselbe seit 24. 1. mit dem Field Hospital im Fußballstadion von Carrefour westlich von Port-au-Prince.

Bei ihren täglichen Verwaltungs- und Einkaufsfahrten in Port-au-Prince pendelt Ann-Christine zwischen dem Base Camp, der BHCU und dem 15 km entfernten Feldhospital. Als sie mit ihrem Wagen am Alten Markt von Port-au-Prince vorbei kommt, liegt dort ein blutüberstömter Mann auf der Straße, um den sich aber offensichtlich niemand kümmert. Es hatte eine Schießerei gegeben und dieser Mann war getroffen worden.

ein verletzter Mann liegt auf einer Trage, die von mehreren Helfern getragen wird

Feldhospital Port-au-Prince. Patienten mit Schussverletzungen werden zum Op transportiert. (c) Stefan Trappe, DRK

Ann-Christine entscheidet, dass sie als Rotes Kreuz unbedingt helfen muss und nach kurzer Rücksprache mit Holger Schmidt per Funk kriegt sie die Order den Patienten mit ins Field Hospital zu bringen. Plötzlich kommen Passanten gerannt und bringen einen zweiten, blutenden Patienten zum DRK-Landcruiser. Die Polizei bahnt dem Krankentransport einen Weg durch die hoffnungslos verstopften Straßen. Im Field Hospital laufen währenddessen die Vorbereitungen für die erste Notaufnahme auf Hochtouren: die Ambulanz wird eingerichtet, Medikamente, Spritzen, Infusionen, Verbandsmaterial, chirurgisches Besteck werden bereit gelegt, Ärzte, Schwestern und Helfer gehen in Stellung. Der DRK-Landcruiser fährt ins Stadion = Feldhospital ein und hält direkt vor der Ambulanz, wo die beiden Patienten ausgeladen und auf zwei Versorgungsliegen gelagert werden. Hier übergibt Ann-Christin die beiden Patienten an das medizinische Personal – ihre Aufgabe ist damit beendet.

Beide Patienten werden chirurgisch versorgt. Zu dieser Zeit existiert keine andere Gesundheitseinrichtung in Haiti mit vergleichbarem medizinischem Versorgungsspektrum.