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Ein Besuch der DRK-Hilfsprojekte im Jemen: Arbeiten unter Extrembedingungen für den Schutz von Kindern

Von René Schulthoff, DRK-Delegierter Beirut, Libanon

Als die Autobombe in Jemens Hauptstadt Sanaa explodiert, ist es 6:45 Uhr morgens. Eine dumpfe Explosion. Das klingt wie ein Donner, denke ich, als ich von ihr wach werde. Es ist meine erste Nacht in Sanaa. Ich bin zusammen mit dem Delegierten Ben und der Koordinatorin Julia des Deutschen Roten Kreuzes im Delegationshaus in Sanaa untergebracht. Später erfahren wir, dass es eben kein Donner war sondern ein erneuter Anschlag auf die Polizei im Norden der Stadt. 37 Menschen werden getötet – schreckliche Wirklichkeit in einem vom Konflikt zerrissenem Land auf der Arabischen Halbinsel.

Es ist mein erster Besuch im Jemen. Das DRK arbeitet hier seit 2009 zusammen mit dem Jemenitischen Roten Halbmond. Doch die Arbeitsbedingungen für die Delegierten des DRK und die Helfer des Jemenitischen Roten Halbmonds werden immer schwieriger. Das werde ich in den folgenden Tag selbst erfahren.

Von Sanaa aus koordiniert der DRK-Delegierte Ben Cutner die Projekte des DRK im ganzen Land. Wenn es die Sicherheitslage in Sanaa erlaubt fährt er in das Hauptquartier des Jemenitischen Roten Halbmond in Sanaa. Dort hat er ein kleines Büro und Jemenitische Mitarbeiter. Ansonsten arbeitet Ben von zu Hause, einem geschützten Haus im Zentrum von Sanaa. Anfang Dezember 2014 explodiert eine Autobombe nur 50 Meter entfernt und zerstört sämtliche Fensterscheiben des Hauses. „Arbeiten unter Extrembedingungen“, sagt Ben. „Wir hatten großes Glück, dass wir uns im Haus auf der abgelegenen Seite aufgehalten haben und niemand draußen auf der Straße war.“ Das DRK-Personal blieb unverletzt aber der Schrecken sitzt tief.

Ich bin auf einer 10-tägigen Besuchsreise zusammen mit der sonst in Beirut stationierten DRK-Koordinatorin für den Nahen Osten und Nordafrika, Julia Meixner. Wir wollen ein paar unserer humanitären Projekte besuchen und uns über den Fortschritt informieren. In Taiz, etwa 150 Kilometer südlich von Sanaa, unterstützt das DRK Schulen und Gesundheitsstationen für unterernährte Kinder. In insgesamt 39 Schulen hat das DRK mit Hilfe von Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verschiedene Projekte implementiert. Mit großem Erfolg.

Der Flug nach Taiz dauert 25 Minuten. Wir fliegen über eine traumhafte Berglandschaft. Fahren mit dem Auto wäre zu gefährlich, denn im Land kämpfen verschiedene Gruppierungen gegeneinander. Die Lage ist kompliziert und extrem unsicher. In Taiz scheint zumindest im Moment die Situation sicher. Aber das kann sich täglich ändern.

An diesem Tag besuche ich zusammen mit Julia und Mitarbeitern des Roten Halbmondes in Taiz zwei vom DRK unterstützte Schulen. Das DRK führt hier Projekte zum Schutz von Kindern durch. In Konflikt- und Kriegsgebieten wie dem Jemen leiden vor allem die Erwachsenen unter großem Stress. Dieser Stress findet sein Ventil nicht selten in Gewalt gegenüber Kindern – zu Hause und in Schulen.

Eine vom DRK unterstützte Schule mit 1200 SchülerInnen in Taiz, Jemen. Foto: René Schulthoff /DRK

Eine vom DRK unterstützte Schule mit 1200 Schüler/-innen in Taiz, Jemen. Foto: René Schulthoff /DRK

Das DRK hat zusammen mit dem Jemenitischen Roten Halbmond Trainings und Workshops durchgeführt, um jemenitische Kinder besser zu schützen: Training von Lehrern zu gewaltfreiem Unterricht. Workshops für Kinder, damit sie ihre Rechte kennen. Erste Hilfe-Kurse für Kinder, damit sie in Krisensituationen besser vorbereitet sind. Renovierung von Schulbereichen, Spielplatz und Schulküchen. Die Maßnahmen zeigen große Erfolge. Das Schlagen von Kindern in der Schule als Regel ist vorbei. Kinder demonstrieren uns, wie sie sich in einem Notfall verhalten, wie sie grundlegende Erste-Hilfe-Maßnahmen anwenden können. Sie wissen, dass Erwachsene sie nicht schlagen dürfen und vermitteln dieses Wissen auch zu Hause.

In 27 weiteren Schulen in den Regionen Lahj und Dhamar hilft das DRK ganz ähnlich. Auch hier geht es vor allem um den Schutz von Kindern im täglichen Leben, in Schulen und Familien. Da im Jemen Armut und Unterernährung ein immenses Problem darstellen, schult das DRK Lehrer, Eltern und vor allem Kinder, wie man sich dennoch gesund ernähren kann.

Das DRK modernisiert Schulen in Jemen auch mit Spielgeräten wie Rutschen. Foto: René Schulthoff /DRK

Das DRK modernisiert Schulen in Jemen auch mit Spielgeräten wie Rutschen. Foto: René Schulthoff /DRK

Außerdem bekommen die Schulen neue Toiletten, getrennt für Jungen und Mädchen, und Waschbecken. In Schulungen lernen die Kinder spielerisch, wie wichtig Hände waschen ist. In Seminaren erfahren Mütter und Väter, worauf es bei der Körperhygiene ankommt.

Während wir an diesem Tag die zweite Schule in Taiz besuchen, ist ein Team von Freiwilligen im Südosten des Landes unterwegs. Sie haben Hygienepakete verteilt und Trainings durchgeführt. Auf ihrem Rückweg werden sie von einer bewaffneten Gruppe gestoppt und festgehalten. Die Festgehaltenen sind freiwillige Helfer des Jemenitischen Roten Halbmondes, die die Projekte des DRK im Jemen umsetzen. Es sind unsere Mitarbeiter. Die Lage ist sehr ernst. Wir machen uns große Sorgen.

Basheer ist der Projektkoordinator des DRK, der die Projekte in der Region leitet. An diesem Tag ist Basheer fast permanent am Telefon um die Freilassung unserer Kolleginnen und Kollegen zu erreichen. Ein 20-Stunden-Tag ist für Basheer fast normal. Genau wie er, arbeiten die vielen freiwilligen Helfer des Jemenitischen Roten Halbmondes unermüdlich. „Ich bin immer wieder überwältigt von dem, was die Mitarbeiter des Roten Halbmondes unter diesen schwierigen Bedingungen hier im Land leisten.“ sagt Julia Meixner. Sie hat selber zwei Jahre im Jemen gelebt und gearbeitet und weiß von den täglichen Schwierigkeiten im Land. „Ohne diese fantastischen Menschen, diesem so unglaublich engagierten Team würden unsere Projekte hier nicht funktionieren. Man kann diese Arbeit gar nicht hoch genug wertschätzen.“

Julia Meixner, DRK-Koordinatorin Naher Osten, Nordafrika und DRK-Projektleiter Basheer im Gespräch mit Abbu Abbas, Generalsekretär des Jemenitischen Roten Halbmonds. Foto: René Schulthoff /DRK

Julia Meixner, DRK-Koordinatorin Naher Osten und Nordafrika, und DRK-Projektleiter Basheer im Gespräch mit Abbu Abbas, Generalsekretär des Jemenitischen Roten Halbmondes. Foto: René Schulthoff /DRK

Am Abend ist die Krise vorüber. Es wurde auf höchster Ebene in Taiz verhandelt. Die freiwilligen Helfer kommen frei. Alle sind erleichtert, doch wir ahnen, dass wir wahrscheinlich unsere weiteren Besuche in der Region aufgrund der Sicherheitslage nicht machen können. So kommt es. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, dessen Sicherheitsbestimmungen wir befolgen, untersagt jegliche weiteren Bewegungen in der Region. „So ist das immer wieder. Wir müssen flexibel sein in einer Situation wie dieser im Jemen. Und das macht diese Arbeit hier im Land sehr schwierig. Dennoch haben die DRK-Projekte der vergangenen Jahre wirklich viel bewirkt“, sagt Julia Meixner.

Bevor es Nacht wird beladen freiwillige Helfer des Jemenitischen Roten Halbmondes in Taiz zwei LKW mit Hygiene-Paketen. Darin sind wesentliche Hygieneutensilien wie Seife, Handtücher, Shampoo, Damenbinden und weitere Hygieneprodukte enthalten. Diese Pakete sollen am kommenden Tag in Al Mokha im Süden des Jemen an Familien verteilt werden, die an Hygieneschulungen teilnehmen. Wir dürfen diesen Konvoi nicht begleiten, aber die freiwilligen Helfer des Jemenitischen Roten Halbmondes werden sich erneut mit 2.000 Hygienepaketen auf den Weg machen, um diese dringend benötigte Hilfe an jemenitische Familien zu verteilen.

Freiwillige Helfer des Jemenitischen Roten Halbmonds beladen einen LKW mit Hygienepaketen. Foto: René Schulthoff /DRK

Freiwillige Helfer des Jemenitischen Roten Halbmonds beladen einen LKW mit Hygienepaketen. Foto: René Schulthoff /DRK

Ich fliege am nächsten Morgen zurück nach Sanaa, ohne weitere geplante Besuche gemacht haben zu können. So ist das im Jemen. Die Sicherheitslage kann sich stündlich ändern. Ich weiß nun sehr zu schätzen, wie flexibel und professionell die internationalen und jemenitischen DRK-Mitarbeiter in diesem Krisenland arbeiten müssen. Ich habe selbst erfahren, wie sich Helfer im Auftrag für Menschen engagieren und eigene Interessen und die eigene Sicherheit hinten anstellen. Und ich habe gesehen, mit welchem Engagement sie jeden Tag den unvorhersehbaren Widrigkeiten trotzen, um die Projekte des DRK und des Jemenitischen Roten Halbmondes, die durch Gelder der Deutschen Bundesregierung und Spenden finanziert werden, umzusetzen.

Wie es ist, mit einem Hilfskonvoi durch Syrien zu fahren

Von Ibrahim Malla, IFRC

Es ist 7 Uhr morgens in Syriens Hauptstadt Damaskus. Das erste Tageslicht verheißt einen weiteren heißen Tag – den Tag, an dem ein Konvoi mit Hilfsgütern in die entlegene Stadt Daraa in Syrien aufbrechen will. 16 LKW beladen mit lebensnotwendigen Hilfsgütern wie Lebensmitteln und anderen Dingen. Es ist das erste Mal seit zwei Jahren, dass der Syrisch-Arabische Rote Halbmond Hilfe nach Daraa schicken kann. Daraa liegt etwa 100 Kilometer südlich von Damaskus und war die vergangenen Monate aufgrund der Kämpfe nicht erreichbar. weiterlesen

Kommunikation hilft helfen – DRK twittert von “vor Ort” (#DRKvorORT)

Von René Schulthoff, DRK Delegierter Beirut

Montagmorgen halb acht Libanonzeit, also bereits eine Stunde später als in Deutschland. Beirut erwacht langsam und die Straßen verstopfen mit unzähligen Autos. Ich bin noch so gerade mit dem Taxi vor den Staus weggekommen. Das Büro des DRK ist ein wenig außerhalb der Stadt und höher gelegen, mit Blick hinunter auf das Zentrum von Beirut. weiterlesen

Erdbeben Türkei: Feldküche statt Schule

Von unserer Infodelegierten Martina Fischer

Mehmet Akif Cisek schrubbt Töpfe und Pfannen wie ein Küchenprofi. Ich entdecke ihn in der Feldküche, gleich bei meinem ersten Besuch im Zeltlager in Ercis. Drei Tage nach dem schweren Erdbeben in der Provinz Van hat der Zwölfjährige sich beim Türkischen Roten Halbmond freiwillig zum Einsatz gemeldet. weiterlesen