Flüchtlingskind Amnah in Azraq, Jordanien

Amnahs erste Schritte

Am 04.12.2014 von René Schulthoff

Von René Schulthoff, DRK-Delegierter Beirut, Libanon

Als erstes sehe ich die kleinen Zehennägel und dann das eingegipste Bein, das sich langsam durch die Tür schiebt. Dann erscheint das zierliche syrische Mädchen mit seinen dünnen Armen, die Hände um die Reifen eines Rollstuhls geklammert. Langsam und mühselig schiebt sich die neunjährige Amnah über den Flur des Krankenhauses im Flüchtlingslager Azraq in der jordanischen Wüste. Ihre Geschichte ist schockierend.

Flüchtlingskind Amnah in Azraq, Jordanien
Amnah aus Syrien wird im Flüchlingslager Azraq endlich im Krankenhaus behandelt. Foto: René Schulthoff / DRK

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Amnah stammt aus Daraa im Südwesten Syriens. Auf dem Weg zu einer Familienfeier im August dieses Jahres eröffnet ein Scharfschütze das Feuer auf Amnah. Ihr elfjähriger Bruder ist bei ihr. Beide Kinder werden von Kugeln des Scharfschützen getroffen und schwer verletzt. Amnah wird im rechten Bein getroffen. Sie hat eine klaffende offene Wunde. Sie kann notdürftig versorgt werden, aber eine wirkliche medizinische Behandlung ist in Syrien für sie nicht möglich. 60 % der medizinischen Einrichtungen, Praxen und Krankenhäuser sind nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Es fehlt an allem, an Medikamenten, Verbandmaterial, chirurgischem Material und Narkosemitteln.

Drei Monate lang flieht Amnah mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihren Brüdern in Syrien von einem Dorf zum anderen – vor den immer wieder aufflammenden Kämpfen und ohne eine adäquate medizinische Hilfe zu bekommen. Während dieser Zeit entzündet sich ihre Wunde immer mehr. Sie kann nicht mehr laufen und es droht eine Blutvergiftung. Nach unendlichen Tagen Schmerz gelingt es ihr nach Jordanien zu flüchten, und sie erreicht das von einem DRK-Arzt geleitete Krankenhaus im Flüchtlingslager Azraq in der jordanischen Wüste.

Die Mediziner in dem vom Finnischen, Norwegischen, Kanadischen und Deutschen Roten Kreuz betriebenen Krankenhaus sind entsetzt. Es ist allerhöchste Zeit, die verdreckte und immer noch offene Wunde des Mädchens zu behandeln, sonst droht, dass sie ihr Bein verliert. Amnah hat schreckliche Schmerzen und ist traumatisiert. Die Ärzte behandeln sie zehn Tage lang. Sie ist quasi ein kleiner Dauergast im Krankenhaus. Ihre Wunde verheilt gut, sagen sie. Aber die seelischen Verletzungen brauchen Zeit.

Erste Schritte im Flüchtlingskrankenhaus Azraq
Amnahs erste Schritte im Flüchtlings-Krankenhaus Azraq in der jordanischen Wüste. Foto: René Schulthoff/DRK

Als ich Amnah zum ersten Mal treffe, strahlt sie mich an. Ein Lächeln, das mir die Tränen in die Augen schießen lässt. Ein kleines Mädchen, fast so alt wie meine Tochter, in einem Rollstuhl, von einer Kugel getroffen, aber auf dem Weg der Besserung. Auch Dank der Hilfe, die unser Krankenhaus in der Wüste von Jordanien für syrische Flüchtlinge leistet. Und auch speziell deswegen, weil die internationalen und jordanischen Helfer im Krankenhaus fürsorglich helfen.

Amnahs Tante und ihre Mutter kommen regelmäßig ins Krankenhaus und spielen mit ihr. Ihrem Bruder Ibrahim (11) geht es auch besser. „Ich bin froh, dass meine Familie immer kommt. aber eigentlich will ich rumlaufen und spielen“, sagt Amnah. „Ich bin doch ein Kind. Ich möchte wieder ein normales Leben wie andere Kinder haben und zu Hause zur Schule gehen“ wünscht sie sich. Ihr Zuhause, Daraa in Syrien ist weit weg.

Am nächsten Tag macht Amnah im Krankenhaus ihre ersten Schritte mit Krücken. Es fällt ihr schwer, aber sie ist ein starkes, tapferes Mädchen. Meine kleine Heldin an diesem Tag. Die Ärzte sind zuversichtlich, dass ihre Wunde komplett verheilen wird. Ich bin froh. Und als ich schließlich das Krankenhaus verlasse, winkt sie und lacht mich noch einmal an.

Es werden dringend Spenden für die Versorgung der 7 Millionen syrischen Flüchtlinge im Nahen Osten benötigt.

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Geschrieben von:

Foto: DRK-Miartbeiter im Portrait. René Schulthoff
Um aus den Projekten zu berichten, war René Schulthoff für das Deutsche Rote Kreuz bereits in Syrien, Griechenland, Jordanien und Nepal, aber auch im Nordirak und Jemen.

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