Foto: Flüchtlingshelfer des Roten Kreuzes in Bosnien

Meine Heldin von Kljuc

Am 27.09.2019 von Lucy Schweingruber

Foto: Flüchtlingshelfer des Roten Kreuzes in Bosnien

Mit vollem Herzen für Menschen im Einsatz: In Bosnien-Herzegowina hat DRK-Mitarbeiterin Lucy Schweingruber Sanela Klepic getroffen, die tagtäglich bedürftigen Menschen auf der Flucht beisteht. Eine Begegnung, die Eindruck hinterlassen hat.

Um unseren Partnern aus erster Hand über geförderte Projekte und die Situation vor Ort berichten zu können, besuche hin und wieder unsere Auslandsprojekte – so auch Mitte September. Ich war in Bosnien-Herzegowina, wo das DRK dank Stiftungsspenden seine lokale Schwestergesellschaft, das Rote Kreuz von Bosnien-Herzegowina, bei der Flüchtlingsnothilfe unterstützt.

Foto: Rotkreuz-Helfer in Bosnien
In Bosnien-Herzegowina unterstützt das DRK die Flüchtlingshilfe vor Ort.

Besonders ernst ist die Lage im Nordwesten des Landes rund um die Stadt Bihac. Bihac ist für Flüchtlinge die letzte Station vor dem Übergang in die Europäische Union. In fünf Unterkünften werden die Menschen mit dem Nötigsten versorgt. Der Platz genügt jedoch nicht für alle. Schätzungsweise 4.000 Menschen auf der Flucht müssen im Freien unter unwürdigen Bedingungen schlafen und erhalten keinerlei Unterstützung. Um diese Menschen, die Verletzlichsten, kümmert sich das Rote Kreuz.

Ein kräftezehrender Weg

Wir sind seit fünf Stunden im Auto unterwegs von Sarajevo nach Bihac und unserem Ziel schon sehr nahe. Plötzlich hält unser Kollege an. Auf einem kleinen Stück Land direkt am Straßenrand ist ein Zeltdach aufgebaut. Unter dem Dach sitzen ein Polizist und eine junge Frau in einem UNICEF-T-Shirt. Daneben, auf wackeligen Holzpaletten sitzend, zwei Familien mit Kindern und Gepäck. Die Familien sind auf der Flucht, kommen aus Nepal und dem Iran. Weil das Gesetz es ihnen nicht erlaubt weiterzufahren, hat die Polizei sie im Bus aufgelesen. Ihr Ziel – die EU – ist indes in greifbarer Nähe, zur kroatischen Grenze sind es nur 10 Kilometer. Die Familien werden an ihrem Ziel festhalten, es ist nicht der erste Rückschlag auf ihrem kräftezehrenden Weg.

Foto: Flüchtlingshelfer und Flüchtlinge in Bosnien-Herzegowina
Es gibt Tage, an denen mehr als 30 Menschen ankommen.

Bevor ich die Situation überhaupt erfasst habe, werde ich mit einem breiten Lächeln von Sanela Klepic begrüßt. An ihrer roten Weste erkenne ich sofort, dass sie „zu uns“ gehört, oder besser: wir zu ihr. Die Geschichte dieser Menschen und von Sanelas eigenem unbeschreiblichen Einsatz erzählt mir die Bosnierin bei einem Automatenkaffee an der nahegelegenen Tankstelle.

Tag für Tag leistet Sanela dringende Hilfe

Vor elf Monaten, am 14. Oktober 2018, an das Datum erinnert sich die Lehrerin genau, wurde der rudimentäre Polizeiposten errichtet, nur Meter entfernt vom Haus ihres Vaters. Aus seiner warmen Stube heraus sah sie an diesem Tag die ersten Flüchtlinge stehen. Mit matten, ratlosen, erschöpften und verzweifelten Mienen, in Sorge um ihre Kinder. Von großem Mitgefühl ergriffen, ging Sanela zu den Menschen und leistete intuitiv dringend benötigte Hilfe: Sie erklärte den Menschen, wo sie sind und warum sie angehalten wurden. Sie hörte ihnen zu, gab ihnen Wasser sowie Essen und lud die Akkus ihrer Mobiltelefone in ihrem nahegelegenen Haus auf der anderen Seite des Flusses auf.

Foto: Ein Haus in Bosnien-Herzegowina
Mustafas Haus liegt direkt neben der Polizeikontrolle, wo die Flüchtlinge aus den Bussen gezogen werden.

Bis heute hat die Mutter eines 13-jährigen Sohnes nicht aufgehört, genau diese Hilfe jeden einzelnen Tag zu leisten. Vielleicht, weil Sanela mit ihrer Familie in den 1990er Jahren selbst vor dem Krieg geflohen ist. Direkt nach Kriegsende, nach vier Jahren in der Schweiz, sind die Klepics jedoch wieder heimgekehrt.

Einsatz unter widrigsten Bedingungen

Gemeinsam mit ihrem Vater Mustafa, einem pensionierten Polizisten, und einem weiteren Freiwilligen organisiert und leistet Sanela in ihrer gesamten Freizeit Hilfe. Inzwischen bilden die drei Ehrenamtlichen ein sogenanntes mobiles Team beim Roten Kreuz in Bosnien-Herzegowina. Sie werden mit Nahrungs- und Hygienepaketen, einfacher Erste-Hilfe-Ausrüstung sowie Informationsflyern ausgestattet, die sie an die geflüchteten Menschen weitergeben.

Die Situation ist äußerst belastend. Sanela und ihr Vater arbeiten sehr hart, bei Wind und Wetter. Keinen einzigen Ruhetag haben sie sich bisher gegönnt. Ihre Erschöpfung erwähnt Sanela in unserem Gespräch mit keinem Wort, ich kann sie nur erahnen. Vor allem aber bedrückt sie, dass sie die Grundbedingungen nicht verbessern dürfen. Am liebsten würden sie und ihre Mitstreiter den Menschen ein stabiles Dach bauen, damit sie vor Regen geschützt sind, sie möchten Toiletten aufstellen, einen Wassertank für eine einfache Dusche und einen kleinen Container, um die Hilfsgüter trocken aufbewahren zu können. Momentan lagert Sanela die Hilfsgüter in der Schule des Dorfes, in der sie Vollzeit arbeitet.

Foto: Flüchtlingshelfer des Roten Kreuzes in Bosnien
Sanela und Mustafa vor dem notdürftigen Obdach.

Mit vollem Herzen dabei

Trotz aller Widrigkeiten hält Sanela durch. Mehr noch: Die wenige Zeit, die sie Zuhause ist, nutzt sie, um auf Facebook und Instagram über die Not der Geflüchteten zu berichten, für Spenden aufzurufen und Menschen zur Mithilfe zu bewegen. Sanela schätzt, dass sie und ihr Vater seit dem 14. Oktober rund 5.000 Menschen unterstützt haben. Ich bin dankbar, dass wir diesen Zwischenstopp gemacht haben und kann schwer in Worte fassen, wie sehr mich Sanelas selbstloses Handeln und ihr unermüdlicher Einsatz beeindrucken. Sie ist meine Heldin. Deshalb möchte ich ihre Geschichte möglichst oft erzählen, in der Hoffnung, damit auch die Herzen anderer zu erreichen und Spender für die humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes zu gewinnen. Das DRK unterstützt vor Ort das Rote Kreuz von Bosnien-Herzegowina bei der Ausstattung der mobilen Teams und bei der Versorgung der Menschen in Vucjak / Bihac mit Nahrung, Kleidung und Hygienematerialien.

Ich bin sehr froh, dass die Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte, die LDS Charities sowie die Fontana-Stiftung diese dringende Hilfe in Bosnien-Herzegowina bereits finanziell unterstützen. Vielen Dank dafür!

» Erfahren Sie mehr über die DRK-Flüchtlingshilfe

Fotos: Lucy Schweingruber/DRK

Geschrieben von:

Foto: Portrait einer DRK-Mitarbeiterin Lucy Schweingruber
Lucy Schweingruber ist Referentin für Stiftungskooperationen und trägt so dazu bei, die DRK-Projekte zu finanzieren. Um zuverlässig über die Arbeit in den einzelnen Projekten, über Errungenschaften und Herausforderungen berichten zu können, macht sie sich ab und an selbst ein Bild vor Ort. Bisher hat sie Projekte in Bosnien-Herzegowina, Somalia und Kirgistan sowie in der Ukraine und im Libanon besucht.

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