Corona hat alles verändert – mit vielen neuen Erfahrungen von den Philippinen zurück ins Homeoffice

Am 09.06.2020 von Janina Jasper
DRK-Team auf den Philippinen im Red Cross Tower
Abschiedslunch mit dem DRK-Team auf den Philippinen im Red Cross Tower Anfang März 2020

Als COVID-19 die Welt überrascht und die Krise in Europa ausbricht, werden viele Freiwillige in ihre Heimatländer zurückgeholt. Auch Janina, EU Aid Volunteer (EUAV) im Freiwilligen-Einsatz für das Deutsche Rote Kreuz, muss die Philippinen überraschend nach zehn Monaten verlassen und unterstützt das Philippinische Rote Kreuz daher von ihrem Homeoffice aus Deutschland. Hier schildert sie, wie sie die außergewöhnliche Zeit erlebt hat.

Vorbereitungen auf Corona in Manila

Atem-Schutzmasken
Die Mitarbeiter*innen erhalten Mundschutz-Masken

Es ist Freitag, der 13. März 2020, und ich sitze entspannt an meinem Schreibtisch im Red Cross Tower, dem Hauptquartier des Philippinischen Roten Kreuzes (PRCS) in der philippinischen Hauptstadt Manila, als auf meinem Smartphone die Nachricht eintrifft: “Treffen mit unserer Leiterin des DRK-Büros um 15.30 Uhr im Besprechungsraum im 7. Stock. Dies hängt mit COVID-19 zusammen.” Die Besorgnis um COVID-19 steigt, obwohl es nur auf den Philippinen nur ganz wenige Fälle gibt. Wir basteln an einer strategischen Lösung, um auf die dynamische Situation bedarfsorientiert reagieren zu können und stimmen uns über die Arbeit im Homeoffice und Bereitschaftsdienst ab. Als Präventionsmaßnahme erhalten wir beispielsweise alle einen Satz Mundschutz-Masken.

Unter den Kolleg*innen geben wir uns gegenseitig Updates zur Lage außerhalb von Wohnung und Hauptquartier: „Ich bin gerade einkaufen gegangen. Lokale Geschäfte sind noch ausgestattet!“ Um unseren Vorrat aufzustocken und uns auf eine mögliche Quarantäne vorzubereiten, besuche ich auf dem Heimweg die kleinen Geschäfte entlang der Straße. Hier gibt es noch alles, und vor allem kurze Warteschlangen.

Die Lage in Manila scheint unter Kontrolle. Auf den Straßen werden Checkpoints eingerichtet und die Parkanlagen geschlossen. Die Shopping Malls leeren sich und in den Restaurants begrenzen Schilder die Personenzahl. In meiner Unterkunft kontrollieren maskierte Sicherheitsoffiziere täglich meine Temperatur. In meiner Nachbarschaft bewegen sich die Menschen wie gewohnt auf der Straße, nur jetzt vermehrt mit Masken. Nach 20 Uhr ist jeder zuhause. Über eine Ländervergleichstabelle im Internet beobachte ich täglich die steigenden Zahlen der Identifizierten in Europa, auf den Philippinen sind sie noch vergleichsweise niedrig.

Straßenszene mit Verkehr in Manila
Relativ ruhig ist es zu Beginn des Lockdowns in Manila.

In der zweiten Woche des Lockdowns stellt Präsident Duterte die philippinische Hauptinsel Luzon (einschließlich Manila) unter „verstärkte Gemeinschaftsquarantäne“. Jedem, der das Land verlassen will, bleiben 72 Stunden. Den Tag darauf erhalte ich am 17. März morgens um sechs Uhr eine E-Mail aus Berlin. Das DRK hat sich über die Situation der EUAVs im Rahmen der COVID-19-Krise beraten. Ergebnis: Alle Freiwilligen aus Europa sollen so schnell wie möglich evakuiert werden. Ich werde Teil der größten Rückhol-Aktion Deutschlands. 42 Stunden bleiben mir, um die Philippinen zu verlassen, bevor die Grenzen schließen. Die Leiterin des DRK-Büros in Manila kontaktiert mich wenige Minuten nach Erhalt der Nachricht und gibt mir Anweisungen für die Rückreise. Ich bekomme den zweitletzten Flieger um 23 Uhr am nächsten Tag. Ein paar Stunden bleiben mir noch, und die wollen genutzt werden.

Es heißt Abschied nehmen von den Philippinen, meinem Zuhause auf Zeit

Meine Kolleg*innen sind über die Nachricht meines schnellen Rückzugs überrascht. Ich treffe mich mit der Managerin des philippinischen Jugendrotkreuzes. Zum Abschied überreicht sie mir das PRCS-Maskottchen – einen Teddybär in seinem Rotkreuz-Trikot – super, einer, der mich auf meiner Reise in das Krisengebiet Europa begleitet.

Rotkreuz-Teddy
Der sympathische Rotkreuz-Teddy war das Abschiedsgeschenk der philippinischen Kolleg*innen

Am Abend schreibe ich eine Nachricht an unseren Fahrer: „Hi Edwin, morgen wieder, letztes Mal für mich. 8.15 Uhr“. Am nächsten Tag habe ich das Abschlussgespräch mit meinem Line-Manager (der mir als Supervisor zugeteilte DRK-Delegierte). Wir vereinbaren, dass ich möglichst von Deutschland aus an meinen Arbeitsaufträgen weiterarbeite. Anschließend treffen wir uns in gemütlicher Runde mit dem DRK-Team, von dem viele in Manila bleiben werden, und das zum Abschied spontan ein gemeinsames „Farewell Lunch“ arrangiert hat.

Den Hamsterkauf in meiner Wohnung überlasse ich einer Kollegin, die sich glücklich ein „Überlebenspaket“ schnürt. Auch meine Hausverwalterin bedankt sich für zurückgelassene Lebensmittel. Meine Wohnung wird noch am gleichen Tag von Mitarbeiter*innen des Philippinischen Roten Kreuzes bezogen, die zu weit außerhalb von Manila wohnen.

Ich verabschiede mich, und Edwin fährt mich im Rotkreuzauto auf verlassenen Straßen an Checkpoints vorbei zum Flughafen. Auf dem Weg erstatte ich unserer Leiterin des DRK-Büros Bericht und verspreche ihr regelmäßig WhatsApp-Updates über meine Reise zu schicken. Am Flughafen angekommen realisiere ich: dies war für mich die schnellste Autofahrt durch Manila. Es ist ein leicht bedrückendes Gefühl – vermisse ich die verstopften Straßen der quirligen asiatischen Metropole etwa schon jetzt? Eingehüllt in meine Schutzausrüstung, mit meinem Rotkreuz-T-Shirt, meiner Rotkreuz-ID und -Maske, mische ich mich unter die wartende Menschenmenge auf dem Weg in ihre Heimatländer. Beobachtungen oder Gespräche mit Touristen verraten mir, dass vielen der Ernst der Lage noch nicht bewusst ist.

Rückholaktion und Ankunft in Deutschland

Janina mit Maske
Selbstbildnis mit Rotkreuz-Outfit und Maske

Ich denke nach: Ich verlasse die Philippinen nach zehn Monaten – im Gepäck Erlebnisse und Erfahrungen, die ihre Spuren hinterlassen haben: Taifune, Erdbeben, der Taal-Vulkanausbruch, und jetzt auf dem Weg in die nächste Krise COVID-19… Was wäre gewesen, hätte ich das alles vorher gewusst? – Mit einem Lächeln muss ich an den Abschiedsgruß meiner Kollegin denken: „Hoffentlich bist du bald wieder hier.“

In der Warteschlange zur Gepäckaufgabe stehend erhalte ich einen Anruf von meiner EUAV-Freiwilligen-Koordinatorin aus Berlin. Sie erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden und will mich auf die Situation in Deutschland vorbereiten. Soweit alles gut.

Die Reise verläuft überraschend reibungslos. Keine extralangen Warteschlangen. Niemand stellt seltsame Fragen. Mein DRK-Brief für Notfälle ruht in meinem Handgepäck. Im Flugzeug sind sogar noch Plätze frei. In Düsseldorf angekommen, nehme ich wahr, dass mein Flieger der einzige ist, der gelandet zu sein scheint. Nur ein Gepäcktransportband läuft. Drum herum die Mitgereisten, diszipliniert und verhalten. Nach Überschreiten des Ausgangs nehme ich einen Unterschied wahr: außer mir trägt hier kaum einer eine Maske, so wie ich das von den letzten Tagen in Manila gewohnt bin. Auf meinem Smartphone erblicke ich unzählige WhatsApp-Messages aus Manila; alle erkundigen sich nach meiner Ankunft im Krisengebiet Europa nach meinem Wohlbefinden: „Ich kann nicht glauben, dass du da drüben bist. Wie fühlst du dich jetzt? Alles was passiert, scheint so surreal.“ Es geht mir immer noch gut, auch wenn ich jetzt schon mein Zuhause in Manila vermisse. Fragen gehen mir durch den Kopf, wie es in den nächsten Wochen weitergeht. Eines aber weiß ich: Ich bin fest entschlossen, das Philippinische Rote Kreuz bis zum Ende meines Freiwilligeneinsatzes weiter zu unterstützen.

 

Arbeiten aus meinem Homeoffice in Deutschland

Zurück in Deutschland – plötzlich wieder in meinem Elternhaus gelandet – sage ich Adé zur Selbstständigkeit und verbringe die nächsten zwei Wochen in Quarantäne. Erfreut bin ich, dass ich von hier aus meine Arbeit als Online-Freiwillige weiterführen darf. Eine wahre Erleichterung in Zeiten von „Social Distancing“ und gefühlter Unendlichkeit. In Absprache mit meinem Line-Manager und Mentor auf den Philippinen passe ich den Arbeitsplan an die Situation an und folge dem philippinischen Rat: „Bleib zu Hause, bleib gesund.“ In Europa hat COVID-19 eine gute Wahl bei der Jahreszeit getroffen. Aufgrund der hervorragenden Wettersituation mit Sonnenschein eröffne ich mein Hauptbüro auf dem Balkon mit Blick in den Garten. Was könnte es nach zehn Monaten Aufenthalt in der 12-Millionen-Metropole Manila Abwechslungsreicheres geben? Auch meine zwei Wochen noch ausstehenden offiziellen Urlaubs verbringe ich so – eine besondere Zeit!

Tisch mit Laptop
Mit dem Rotkreuz-Laptop wieder im heimatlichen Homeoffice in Deutschland.

Regelmäßig tausche ich mich über Email, Skype oder Messenger mit Mitarbeiter*innen vor Ort aus, die mir über die Lage in Manila und im Red Cross Tower berichten. Ich erhalte die Nachricht: „Ich habe versucht, meine Bewegung und Interaktionen im Turm einzuschränken. Ehrlich gesagt sind alle sehr besorgt.“ Ich schreibe zurück: „Das DRK-Team in Berlin scheint sehr beschäftigt. Sie schicken wöchentlich E-Mails mit Sicherheitsupdates.“ Kurze Zeit später erhalte ich von meiner EUAV-Freiwilligen-Koordinatorin eine E-Mail mit der Bitte, einen Onlinekurs zu Grundkenntnissen und Präventionsmaßnahmen bei Coronavirus auf der IFRC-Lernplattform der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften zu absolvieren. Was für ein Zufall, aus purer Neugier habe ich die Onlinevariante für „Responder“ bereits absolviert – ich wollte doch wissen, was mich im Feld in Europa erwartet.

Unterstützung der philippinischen Notrufzentrale unter COVID-19

Von Deutschland aus unterstütze ich das Büro für Programmierung, Monitoring, Evaluation und Planung des PRCS in seiner Reaktion auf die Corona-Krise. Das Büro steht in engem Kontakt mit dem Emergency Operation Center (Lagezentrum) des PRCS und arbeitet diesem zu. Mit einer Kollegin erstelle ich ein Monitoring-Sheet und führe eine Feedback-Analyse der Notrufe durch, die täglich im Callcenter des Operation Center ankommen.

Wir arbeiten gleichzeitig, aber auch zeitversetzt über unser online-geteiltes Dokument. Wenn sich der Arbeitstag meiner Kollegin dem Ende neigt, übernehme ich ihn weiter aus Deutschland. Wenn es schnell gehen muss, tausche ich mich mit meiner Kollegin über Messenger aus: „Hey, wie geht’s? Ich könnte heute deine Hilfe brauchen, wenn du Zeit hast.“ Aber klar bin ich dabei. Die Auswertung der Daten gibt mir das Gefühl, direkt vor Ort in Manila zu sein. Die Bedarfe der Anrufer sind vielfältig: Es geht um Beratung zu COVID-19-Symptomen, Präventions- und Quarantänemaßnahmen, Testmöglichkeiten, Notfalltransport oder die Koordinierung gesundheitlicher Versorgung mit dem Gesundheitsamt und lokalen Gemeinden. Dass ich in Deutschland sitze und für einen anderen kulturellen Arbeitskontext arbeite, wird mir erst wieder kurz vor Ostern bewusst. Ich realisiere, dass ein philippinischer Feiertag ist, der hier in Deutschland nicht existiert. Plötzlich kann ich meine Beine hochlegen.

COVID-19 als Chance zur Stärkung der Partnerschaft

Ich arbeite von Deutschland aus außerdem an Arbeitsaufträgen weiter, die ich bereits auf den Philippinen begonnen habe. Zum Beispiel entwickle ich ein Konzeptionspapier für eine Studie zu „Humanitärer Diplomatie“. Die Ergebnisse der Studie sollen als Grundlage für die zukünftige strategische Ausrichtung des PRCS in seiner „Auxilliary Role“ (unterstützende Rolle) und Beziehung zur Regierung in Katastrophenvorsorge und -management dienen.

Darüber hinaus entwickle ich für verschiedene Stakeholder wie Regierungsbeamte, Rotkreuz-Mitarbeiter*innen und Begünstigte in den Projektregionen Kommunikationsmaterial zum konfliktsensiblen Ansatz in der Katastrophenvorsorge. Als ich auf den Philippinen Experteninterviews mit Mitarbeiter*innen im Feld durchführte, habe ich viel über ihre Herausforderungen in der Kommunikation gelernt. Diese gewonnenen Erkenntnisse fließen jetzt in die Erstellung der Flyer ein, die alle eines gemeinsam haben: eine visuelle Darstellung des konfliktsensiblen Ansatzes auf der Grundlage der folgenden Prinzipien: unterschiedliche Kontexte und Perspektiven verstehen, klar kommunizieren, neutral und bedarfsorientiert sowie flexibel und anpassungsfähig sein und lösungsorientiert handeln.

Erinnerungen an zwölf Monate Freiwilligeneinsatz

Es dauert nicht lange und Mitte Mai ist der letzte Tag meines Freiwilligeneinsatzes erreicht. Mein Coach ruft mich ein letztes Mal an. Am gleichen Tag findet auch das Auswertungsgespräch mit meiner EUAV-Freiwilligen-Koordinatorin statt. Morgens früh sende ich ihr meinen „End of Mission Report“ zu, den jeder Delegierte des DRK nach seiner Mission verfasst. Für mich eine Bilanz der letzten zwölf Monate.

Meine Erkenntnis: Mein ursprünglicher Auftrag als EU Aid Volunteer im Freiwilligeneinsatz, eine Toolbox für Mitmach-Angebote in Schulen und Gemeinden zur Katastrophenvorsorge zu entwickeln, hat vielseitige Wege eröffnet. Diese gingen von der technischen Unterstützung in der Katastrophenvorsorge, über die Nothilfe-Unterstützung während des Taal-Vulkanausbruchs und der COVID-19-Krise bis hin zur Unterstützung von Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit und der Teilnahme an diversen Veranstaltungen bzw. Trainings. Besonders positiv für mich war die Möglichkeit, die Rotekreuz-Chapter, Gemeinden und Schulen im Feld zu besuchen. Beeindruckt haben mich die Jugendlichen, wie sie sich auf den Trainings-Camps im Rahmen von Simulationsspielen auf Katastrophen vorbereiten. Die größte Herausforderung für mich bestand darin, meine Rolle zu finden. Der größte Erfolg für mich war es, mich mit humanitärer Diplomatie auseinanderzusetzen.

Insgesamt haben mir die letzten zwölf Monate einen umfassenden Einblick in das Fachwissen und die Kooperation des DRK mit dem Philippinischen Roten Kreuz gegeben. Vielseitige Herausforderungen boten großartige Lernmöglichkeiten für die persönliche und berufliche Entwicklung. Sowohl auf den Philippinen als auch aus der Ferne konnte ich zusammenarbeiten mit dem Katastrophenmanagement, der Rotkreuzjugend, dem Büro für Internationales Humanitäres Recht sowie den DRK-Delegierten verschiedener Kulturen. Es war eine einmalige Erfahrung, die Partnerschaft des PRCS bei der Teamarbeit in einer Krise wie COVID-19 unterstützen und stärken zu können. Verwunderlich war nur – ich fahre in eines der weltweit am stärksten von Naturkatastrophen betroffenen Länder, um dort von der Expertise der dort lebenden Menschen zu lernen; und ich komme zurück und die Katastrophe ist hier – Corona hat alles verändert.

Hat Euch der Beitrag gefallen? Hier lest Ihr die anderen spannenden Beiträge von Janina Jasper: https://blog.drk.de/autor/janina-jasper/

Mehr zur Arbeit des DRK auf den Philippinen lesen Sie hier: https://www.drk.de/hilfe-weltweit/wo-wir-helfen/philippinen-engagement-mit-weitsicht/

Mehr zu den EU Aid Volunteers und wie man dort teilnehmen kann, finden Sie auf der DRK-Webseite.

Fotos: Janina Jasper/DRK

 

Geschrieben von:

Janina Jasper, EU Aid Volunteer für das DRK Janina Jasper
Janina Jasper war 2019 bis 2020 als EU Aid Volunteer im Freiwilligeneinsatz für das Deutsche Rote Kreuz in Manila auf den Philippinen im Bereich der Katastrophenvorsorge. Sie entwickelte z.B. eine Toolbox für Mitmach-Angebote in Schulen und Gemeinden zur Katastrophenvorsorge, zum Klimawandel und zur Sensibilisierung für drohende Naturgefahren. Wegen der Corona-Pandemie musste sie im März 2020 ins Homeoffice nach Deutschland zurückkehren.

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