Leben in einem Flüchtlingslager in der Türkei

Am 19.09.2014

DRK-Besuch in Gaziantep und Nizip

Von Jonas Bolt, DRK-Logistikmitarbeiter in Beirut, Libanon

Der Krieg in Syrien geht weiter, ein Elend folgt auf das andere, keiner weiß, wie lange noch. Syriens Nachbarländer werden weiterhin von Flüchtlingsströmen überflutet, von Menschen, die praktisch ihren ganzen Besitz aufgeben müssen, nur damit sie das Wichtigste in Sicherheit bringen können – ihr Leben. Die Türkei, die eine mehr als 800 Kilometer lange Grenze mit Syrien teilt, ist ein solch sicherer Hafen für syrische Flüchtlinge. Zweiundzwanzig aktive Flüchtlingscamps gibt es auf türkischem Boden. In allen wohnen syrische Frauen, Kinder und Männer unter einfachen Bedingungen in Zelten und Containern.

Es ist meine erste Reise als Logistikmitarbeiter des DRK nach Gaziantep. Gaziantep ist eine Millionenmetropole im Südosten der Türkei – nur ein paar Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. Die Stadt scheint zu schlafen. Gleichzeitig sprießen neue Hochhäuser in die Höhe, wie Pilze aus fruchtbarem Waldboden, denke ich mir. Geld wird investiert. Die Wirtschaft scheint zu funktionieren.

35 Kilometer südöstlich von Gaziantep befinden sich bereits die ersten zwei Flüchtlingslager. Ein Fahrzeug des Türkischen Roten Halbmonds, die Partnerorganisation des DRK vor Ort, bringt uns dorthin. Auf dem Weg sehe ich in der kargen, sandigen Landschaft die flimmernde Hitze. Eine trockene, heiße Luft strömt uns entgegen, als wir aus dem Auto steigen. Ich frage mich, wie die Menschen es bei dieser Hitze in den unzähligen Zelten aushalten. Nach einem kurzen Gespräch mit Mitarbeitern des Türkischen Roten Halbmonds beginnen wir mit der Führung durch das Camp. Schnell merke ich, dass es sich um ein sehr gut organisiertes Lager handelt. Man kümmert sich hier um die Flüchtlinge. Der Türkische Rote Halbmond verteilt regelmäßig humanitäre Hilfe aus Deutschland an die Menschen.

Syrische Kinder verlassen das Schulzelt. (Foto: © Jonas Bolt)
Syrische Kinder verlassen das Schulzelt. (Foto: © Jonas Bolt)

Die syrischen Kinder gehen hier im Camp in die Schule, was sie vom Alltag und den Erinnerungen an die Kämpfe in Syrien ablenkt. In einem größeren Zelt wurde eine Ausbildungsstätte für Näherinnen eingerichtet. Die mittellosen Flüchtlinge erhalten Geldgutscheine, mit denen sie das Nötigste im Camp-eigenen Markt einkaufen können. Durch Gespräche mit den Menschen stellt sich schnell heraus, dass diese Geldgutscheine nicht ausreichen, die täglichen Bedürfnisse zu decken. Es bräuchte mehr. Offen spricht man mich an, ob wir in Europa nicht mehr unterstützen können. Wie antwortet man darauf? Die Direktheit der Flüchtlinge wirft Fragen in meinem Kopf auf.

Inhalt eines Hygienekits des DRK. (Foto: © Jonas Bolt)
Inhalt eines Hygienekits des DRK. (Foto: © Jonas Bolt)

Das Deutsche Rote Kreuz unterstützt unter anderem mit Geldern des Auswärtigen Amtes und bringt regelmäßig humanitäre Hilfsgüter in die Türkei, die mit Hilfe des Türkischen Roten Halbmonds in den Flüchtlingslagern verteilt werden. Seit Beginn der Syrienkrise hat das DRK 106.500 Hygienekits, 12.000 Babykits, 11.500 Küchensets, 57.500 Matratzen, 115.000 Decken, 57.500 Kissen und Bettzeug sowie 15.500 Heizöfen geliefert, die an die Flüchtlinge in den türkischen Lagern verteilt wurden. Während eines Treffens mit syrischen Männern, die in dem Flüchtlingscamp wohnen, erfahren wir, wie sehr man die Spende der deutschen Bevölkerung wertschätzt, wie notwendig sie ist. Es freut uns sehr, das zu hören. Im gleichen Atemzug betonen die Ältesten aber auch, dass der Bedarf bei weitem noch nicht gedeckt ist.

Die meisten der Flüchtlinge leben seit zwei bis drei Jahren in diesen türkischen Flüchtlingscamps. Sie versuchen ein normales Leben zu führen. Sie heiraten. Sie spielen Fußball. Sie lernen die türkische Sprache. Sie besuchen die Moschee. Trotzdem sind sie fremd. Hier in der Türkei in einem Lager anstatt in ihrem eigenen Haus in Syrien, zehren sie bis heute an den Erinnerungen an ihre Heimat. Niemand von ihnen weiß, wann und ob sie diese wiedersehen.

1 Kommentar zu “Leben in einem Flüchtlingslager in der Türkei

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