Foto: DRK-Mitarbeiter im Ebola-Behandlugnszentrum beim Händewaschen

Ebola-Einsatz-Tagebuch: Zum Jahreswechsel in Liberia

Am 15.01.2015 von Christoph Dennenmoser
Foto: DRK-Mitarbeiter im Ebola-Behandlugnszentrum beim Händewaschen
Ebola Behandlungszentrum des DRK in Monrovia: Ein DRK-Mitarbeiter wäscvht sich die Hände

20. Dezember: Eine neue Kollegin und Info-Poster

Heute sind in Liberia Senatswahlen. Da Verkehrschaos befürchtet wird, bestellen wir unsere lokalen Helfer heute nicht zu uns ein. Es gilt sicherheitshalber auch eine „No Movement Policy“, also ein Verbot, den Bereich der ETU (Ebola-Behandlungsstation) zu verlassen. Würde eh keinen Sinn machen, weil ja die meisten Läden geschlossen haben dürften.

Christoph Dennenmoser erklärt Entkleiden der Schutzanzüge mithilfe der neuen Poster. Foto: Christoph Dennenmoser/DRK
Christoph Dennenmoser erklärt das Entkleiden der Schutzanzüge mithilfe der neuen Poster.

Der DRK-Einsatzleiter Christian stellt uns Regina zur Seite. Regina ist sowohl Rotkreuzschwester  als auch Hygienefachkraft. Sie stürzt sich auf unsere SOPs (Standard Operation Procedures – das sind definierte Abläufe), entdeckt auch gleich die eine oder andere Ungereimtheit und scheint ganz in ihrem Element zu sein. Das darf sie sicher noch vollends zu Ende führen. Ich bin mir  sicher, dass sie uns sehr gut ergänzen wird.

Am Nachmittag bringt der Drucker die bestellten Poster vorbei, auf denen das sichere Entkleiden der Schutzanzüge abgebildet ist. Diese bringen wir gleich in den Kabinen der „Doffing-Station“, der Entkleide und Dekontaminationszone an.

21. Dezember: Vorbereitungen für die Eröffnung

Vormittags sitzen wir ICPler zur Planung zusammen im Freien. Von jenseits der Mauer erschallen Trommeln und Gesang. Da muss wohl ein Gottesdienst stattfinden. Ich genieße die frischen und fröhlichen Stimmen total! So schade, dass wir nicht die afrikanischen Gottesdienste besuchen dürfen – die Gefahr der Ansteckung ist in großen, schwitzenden Menschenmassen eben wesentlich größer. Und schließlich sind wir hier nicht im Urlaub.
Letzte Anpassungen für die Generalprobe und die Abnahme morgen: Hier noch ein Chloreimer, da noch ein Schild… . Jetzt sollte es passen.

Letzte Nacht ist auch ein Seelsorger der Bundeswehr eingeflogen. Er bietet nach der gemeinsamen Sitzung eine kurze Andacht an. Einige Soldatinnen schmücken am Nachmittag der ebenfalls im „Betreuungspaket“ der Bundeswehr gelieferten Weihnachtsbäume aus Plastik. Einen Gecko, der daran vorbeispaziert, kann ich gerade noch auf ein Foto bringen! Das hat er bestimmt noch nie gesehen. Ich bin gespannt auf morgen.

Foto: Menschen auf den Straßen Morovias.
Straßenszene in Monrovia: Es ist Markt.

22. Dezember: Eine Kommission begutachtet das Behandlungszentrum

Heute war „Generalprobe“ angesagt. Bisher hat jeder Bereich überwiegend für sich geübt. Nahtstellen zu den anderen Bereichen waren überwiegend theoretisch besprochen worden. Natürlich klappt das beim ersten Mal nicht alles auf Anhieb. Aber alles in allem wurde gut gearbeitet. Zu Mittag wurde das zweite „Testmenü“ ausgegeben. Das Gericht war ziemlich ähnlich zu dem vom Freitag – und wieder sehr lecker. Es wurde von den Einheimischen sehr gelobt. Für mich war der Unterschied jetzt nicht sooo groß.

Nachmittags geht eine Kommission, bestehend aus Vertretern der Liberianischen Gesundheitsbehörden, der Weltgesundheitsorganisation und des Welternährungsprogramms durch das Gelände, um die Anlage zu begutachten und die offizielle Anerkennung als Ebola Treatment Unit (ETU) zu erhalten. Die Mitglieder der Kommission zeigen sich offensichtlich sehr beeindruckt von der Anlage. Somit ist das Ziel, die Einsatzfähigkeit der Anlage bis 27. Dezember herzustellen, so gut wie erreicht. Detailarbeiten gibt es natürlich immer.

23. Dezember: Die Ebola-Behandlungsstation wird eröffnet

Das Anlegen der Schutzkleidung dauert bis zu 20 Minuten. Foto: Christoph Dennenmoser/DRK
Die Schutzkleidung anzulegen, dauert 20 Min.

Nachdem das An- und Ablegen der Schutzkleidung in der gestrigen Probe noch mit kleinen Unsicherheiten verbunden war, ist heute ein weiteres Training angesagt. Diesmal auch auf Zeit. Das war ein Kritikpunkt gestern. 20 Minuten Ankleidezeit müssen einfach eingerechnet werden. Sicherheit geht schließlich vor. Der „Sieger“ schaffte es tatsächlich in 15 Minuten.

Am Nachmittag wird die Anlage nun offiziell eröffnet. Der Gesundheitsminister und verschiedene Vertreter aus Politik, Hilfsorganisationen und Militär sind anwesend und lassen sich nach dem Festakt die Anlage zeigen. Gemeinsam wird aufgeräumt. Der nächste richtige Arbeitstag wird der 27. Dezember sein.

24. Dezember: Nachdenkliche Weihnachtsvorbereitung

Der Vormittag dient, neben ein paar administrativen Tätigkeiten, auch der Vorbereitung auf die gemeinsame Weihnachtsfeier. Morgens spreche ich mit einem der Wachmänner, der hier an 7 Tagen von 7:00 bis 15:00 Uhr Dienst schiebt. Ich: „Dann hast du ja Zeit, danach mit deiner Familie Weihnachten zu feiern.“ Er lächelt freundlich: „Zum Feiern sind wir zu arm, aber wir werden gemeinsam die Lichter genießen.“ Die Bescheidenheit und Zufriedenheit dieses Mannes beeindrucken mich tief.

Auch eine Unterhaltung mit einem anderen Einheimischen stimmt mich sehr nachdenklich. Er meinte, wenn er einmal Gott gegenüber steht und wiedergeboren werden soll, will er auf jeden Fall als Weißer geboren werden. Beide Aussagen machen mich sehr nachdenklich gemacht und dankbar für das, was ich habe. Es ist einfach nicht selbstverständlich.

Einer meiner Facebook-Freunde war von der ersten geschilderten Begebenheit, die ich auch auf Facebook gepostet hatte, so sehr berührt, dass er mich bat, 20 US-Dollar auszulegen, um dem Mann schöne Weihnachten zu ermöglichen. Eine sehr schöne Geste, der ich natürlich (sehr zur Freude des Wachmanns) nachkam.

Die Feier am Abend ist nett – es gibt gutes Essen, Geschenke und auch Spaß. Aber man merkt schon, dass vielen die Familie fehlt. Alles in allem ist es ein schönes Fest.

Foto: Christoph Dennenmoser/DRK
Die ETU – Ebola-Behandlungsstation – in Liberia.

25. Dezember: Ein freier Tag am Strand

Heute schließe ich mich einer Gruppe an, die zu einem Strand fährt. Bis dahin sind es 1,5 Stunden Fahrt, zunächst auf einer Teerstraße, die dann irgendwann zum breiten ungeteerten Feldweg wird. Wir passieren ein paar Dörfer. Die Kinder rufen uns „Merry Christmas“ zu und winken. Manche wollen aber auch Geld. Ein herrlich leerer Strand und das Schwimmen im Meer machen viel Spaß und tun gut!

Für das Abendessen hat die Leitung ein ebenfalls am Meer gelegenes Restaurant gebucht – inklusive Sonnenuntergang. Man könnte fast vergessen, warum wir eigentlich hier sind. Aber nur fast und für ein paar Minuten.

26. Dezember: Ein neuer Schichtplan muss her

Der Schichtplan, wie ich ihn bis jetzt im Sinn hatte, funktioniert nicht. Also beginne ich eine neue Variante. Die sollte jetzt aber vollends hinhauen. Nachmittags noch ein kurzes Meeting mit den „Medizinern“ – den Ärzten und Pflegekräften – um Details für morgen zu besprechen, wo schwerpunktmäßig das medizinische Personal durch uns (und unser Team) in der Handhabung der Schutzkleidung trainiert werden soll.

27. Dezember: Das Team ist einsatzbereit!

Heute wird das medizinische Personal trainiert. Schutzanzug an, ein bisschen darin bewegen und dann wieder das kontrollierte Ablegen. Sie machen das schon ganz gut. Auf einmal erhalten wir die Meldung, dass sich in dem Bereich, wo die Patienten gesichtet werden (Triage), ein Mann befindet, der meint, an Ebola erkrankt zu sein. Sofort schalten wir auf Ernstfall. Ich beordere zwei Sprayer in die Donning-Station (also den Bereich, in dem die Schutzkleidung angelegt wird) und beschließe, das Team zu begleiten. Ich schaue vor und nach dem Ankleiden schnell auf die Uhr: Mit Unterstützung zweier Helferinnen bin ich in acht Minuten voll angekleidet. Keine schlechte Zeit!

Noch während des Ankleidens erfahren wir, dass der Patient ziemlich sicher kein Ebola und noch nicht mal eine Infektionskrankheit hat. Trotzdem ziehen wir das Programm wie einen Ernstfall durch. Sozusagen als „scharfe Übung“ begeben wir uns als Team in den Aufnahmebereich, sprühen dort mit Chlorlösung den Raum ab und legen das Fieberthermometer in Chlorlösung ein.

Foto: Liberianische Männer und Frauen in einem DRK-Zelt
Vorbereitung: liberianische Mitarbeiter bei einer Informationsveranstaltung

Was ich als Leistung von meinem Team sehe, begeistert mich regelrecht! Sie haben wirklich sehr gut gelernt! Und sie gehen total selbständig und umsichtig vor! Arthur entgleitet kurz sein Handapparat des Sprayers, so dass die Spitze den Boden berührt. Nachdem er das Teil wieder aufgenommen hat, steht unsere Mitarbeiterin Sacrkorline schon bereit, um die Spitze abzusprühen. Überall, wo potentiell Berührung stattgefunden haben könnte, wird sorgfältig abgesprüht. Richtig klasse!

Beim „Doffing“, also der Auskleidestation merke ich, wie belastend die Arbeit im Schutzanzug für den Kreislauf ist. Ich muss ihn beschleunigt abziehen und mich hinsetzen. Während wir sonst überwiegend Wasser trinken, erhalten die Arbeiter im Schutzanzug nach Ablegen je eine Dose Cola oder Limo zum Elektrolyt- bzw. Zuckerausgleich. Die ist wohlverdient!

Ich werde mein Team auch weiterhin bei Bedarf in die rote Zone begleiten – aber die Leistung heute hat mich überzeugt, dass sie wirklich vieles gelernt und verinnerlicht haben. Dickes Lob an meine Vorgänger und natürlich an das Team! Bin sehr, sehr stolz auf sie!

28. Dezember: Wie sich Mitarbeiter vor Ebola schützen

Der heutige Sonntag ist wieder eher ruhig. Morgens bespreche ich mit Christof, der für die Bereitstellung bzw. Aufbereitung von Trinkwasser und Chlorlösung mit verantwortlich ist, wie ein mögliches Notfallkonzept für seine Leute aussehen könnte. Für den Fall, dass sie mit kontaminierten Fäkalien in Berührung kommen, müssen wir auch für diese Mitarbeiter das korrekte Ablegen der Schutzkleidung sicherstellen.

Den Rest vom Tag widme ich mich neben netter Unterhaltung und Blogschreiben wieder meinem „Lieblingsprojekt“, dem Dienstplan. Ist immer noch eine Mordstüftelei, aber es geht wenigstens vorwärts!

Eine Kollegin holt sich einen Sonnenbrand. Auf mein Angebot einer After Sun Lotion erwidert sie: „Nein Danke. Ich will nicht noch mehr auf meine Haut schmieren.“ Sie hat schon Recht: Nach der Malariatablette (manche nehmen sie auch abends) und der Messung der Körpertemperatur (2x täglich) sind Sonnenmilch und Insektenschutz aufzutragen. Spätestens am Abend braucht es den Insektenschutz erst recht. Also noch mal. Und nach dem vielen Hantieren mit Chlorlösungen darf auch die Hautpflege, zumindest die der Hände, nicht vernachlässigt werden. Ist alles wichtig. Aber ich verstehe auch, wenn dann jemand keine Lust hat, noch mehr zu „schmieren“.

So viel wie hier habe auch ich selber noch nie Körperpflege betrieben. Prävention ist in diesem Einsatz wichtiger denn je. Jeder hier, dem es zwischendurch mal schlechter ging, berichtet, wie gut es tut, zu wissen, dass man alles getan hat, um eine Ansteckung mit Ebola zu vermeiden. So kann eine Infektion ausgeschlossen werden. Zur Prävention gehört auch der „Ebola-Gruß“ den hier wirklich ausnahmslos jeder anwendet: Anstatt sich die Hände zu schütteln, berührt man sich kurz mit der Außenkante der Ellbogen.

Foto: Rotkreuzmitarbiter in Liberia spricht mit Mitbürgern.
Nach dem Ebola-Ausbruch sprechen Freiwillige Helfer vom Liberianischen Roten Kreuz mit Einwohnern, um den Ansteckungsweg der Krankheit nachzuverfolgen und Überträger zu identifizieren.

29. Dezember: Abschied von Kollegen

Den Tag über üben wir in zwei Schichten mit dem medizinischen Personal das An- und Ablegen der Schutzkleidung. Es wird immer besser, trotzdem (oder genau deshalb) dürfen wir im Üben nicht nachlassen.

Das Training wird um die Mittagszeit durch einen Besuch der Generalsekretärin der UNMIL (= UN Mission in Liberia) unterbrochen. Kurzer Festakt, Ansprache, zwei Soldaten erhalten eine Ehrung, Besichtigung der ETU und weg sind sie.

Der Abend ist dann mit einer leichten Wehmut überzogen: Eine ganze Menge Leute fliegt heute Abend nach Hause bzw. in die Karenz an die Ostsee. Die Kollegen haben sehr viel bewegt. In jeder Hinsicht. Es sind Bekannte dabei, aber auch ein paar, die ich erst hier kennen- und schätzen gelernt habe. Vor allem die Kollegen der Bundeswehr. Der Heimflug sei ihnen natürlich gegönnt. Aber die gemeinsame Aufgabe hat uns schon ganz schön zusammenwachsen lassen und mit jedem von ihnen würde ich jederzeit wieder in einen Einsatz gehen.

30. Dezember: Üben, üben, üben

Auch heute wird es uns nicht langweilig. Es ist nach wie vor viel zu üben. Da in den letzten Tagen die Konzentration mehr auf das An- und Ablegen der Schutzanzüge gerichtet war, ist es nun wieder höchste Zeit, die Tätigkeiten, die die Teams später ausrichten werden, zu üben. Das wird morgen im Mittelpunkt stehen. Am Nachmittag besichtigt eine US-Delegation die ETU.

31. Dezember: Ein Sack Reis für die Mitarbeiter

Zwei Delegierte der Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften besichtigen die ETU. Nach Weihnachten haben wir erfahren, dass es in Liberia üblich ist, dass Arbeitgeber ihren Mitarbeitern einen halben Sack Reis schenken. Dafür war es natürlich zu spät. Deshalb wird die Aktion zum Jahreswechsel mit einem ganzen Sack Reis für jeden Mitarbeiter nachgeholt. Beeindruckend, wie manche so einen 25-kg-Sack auf dem Kopf nach Hause tragen!

Foto: Blick auf Monrovia, Liberia.
Blick über Monrovia

Da im Land nach wie vor Ausgangssperre herrscht, feiern wir den Jahreswechsel im Innenhof des Hotels. Ein mitreißender Auftritt einer Trommel- und Tanzgruppe steht im Mittelpunkt. Der Chef der Truppe erläutert die verschiedenen vorgeführten Tänze. Ich liebe diese Rhythmen und Gesänge einfach! Danach spielt eine Band. Um 23:00 Uhr versuche ich in Deutschland anzurufen, da dort das neue Jahr ja bereits eine Stunde früher begann. Klappt leider nicht. Natürlich wird auch aufs neue Jahr angestoßen.

1. Januar: Ein ruhiger Start ins neue Jahr

Den Jahresanfang können wir noch recht gemütlich angehen. Ich erledige etwas Korrespondenz. Nachmittags findet sich eine kleine Gruppe, die zum Strand fährt. Diesmal einen, der gut 10 Minuten von unserem Standort entfernt liegt. Er ist klein, überschaubar und einfach nett. Da auch in Liberia heute Feiertag ist, finden sich hier auch einige örtliche Familien und Einwohner. Interessante Vielfalt: Zwei jüngere Frauen genießen das Wasser „oben ohne“, 30 m davon entfernt sitzt eine Gruppe muslimischer Frauen, die lange Kleidung und Kopftuch tragen. Auch einige Kinder springen herum und freuen sich am Sand oder spielen miteinander. Im Meer herrscht ordentlicher Seegang, so dass ich die Wellen richtig genießen kann.

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Fotos: Björn Düß/ DRK; Christoph Dennenmoser/ DRK, Victor Lacken / IFRK

Geschrieben von:

Christoph Dennenmoser

Christoph Dennenmoser ist DRK-Mitarbeiter in Monrovia, Liberia.

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