Flüchtlinge im Libanon: „Erste-Hilfe-Wissen gibt mir Selbstvertrauen“

Am 07.08.2018 von John Engedal Nissen
Helferin mit Ahmad
Der 66-jährige Ahmad Ghannam erhält Besuch von der 25-jährigenHala El Haji, Helferin des Palästinensischen Roten Halbmonds.

Der Palästinensische Rote Halbmond bietet aus Syrien geflüchteten Palästinensern wie Ahmad Gesundheitsaufklärung und Erste-Hilfe-Trainings. Einst half die Familie großzügig anderen, als sie noch in ihrem Dorf bei Damaskus wohnten. Nun sind sie selbst auf Hilfe angewiesen.

Das Licht kommt und geht. Die Familie ist daran gewöhnt. Niemand beachtet es weiter. Der 66-jährige Ahmad Ghannam sitzt auf einer dünnen Matratze auf dem Boden, mit einer Kanne Tee vor sich, während die Familie um ihn versammelt ist. „Wir sind alle sehr besorgt über die Situation“, sagt seine Frau, die 38-jährige Hanaá. Ahmad kann weder seine eigentlich notwendige Herzoperation bezahlen noch für seine Familie sorgen.

Ehefrau Hanaa und Ahmad Ghannam
Würde bedeutet der Familie Ghannam viel. Sie waren es in ihrer syrischen Heimat gewöhnt, anderen zu helfen.

Die Farbe an den Wänden ist abgeblättert. Die Stimmung in der kleinen Wohnung scheint so trostlos wie die Umgebung draußen im palästinensischen Flüchtlingscamp Schatila im Libanon. Dort liegt der Müll in den kleinen verwinkelten Gassen. Oben hängen schlecht isolierte elektrische Kabel in einem chaotischen Wirrwarr, zusammengewickelt mit Plastiktüten verlaufen sie neben der tropfnassen Wäsche. Ein elektrischer Schlag sei die häufigste Todesursache, sagen die Einheimischen. Dennoch sind viele Palästinenser, die vorher in Syrien lebten, in dieses Lager gezogen.

„Es ist der günstigste Ort zum Leben“, erklärt Hanaá. Das Flüchtlingslager Schatila liegt zentral in Beirut, was die Chancen erhöht, Arbeit zu finden. Trotzdem ist es laut Hanaá nicht einfach, einen Job zu erhalten. Mehrmals hat sie es erfolglos versucht. Die Ablehnung sei auf ihre syrische Nationalität zurückzuführen, meint sie.

Umgekehrte Rollen

In Syrien war die Situation ganz anders. Hier besaß die Familie in einem Dorf nahe Damaskus zwei Wohnungen mit einem Feld, das dazu gehörte. Sie hatten genug, um anderen in der Gemeinde zu helfen. „Unser Garten stand jedem offen, um sich an unseren vielen Früchten zu bedienen“, sagt Ahmad und fügt hinzu: „Jetzt haben Bomben alles zerstört.“

Ahmad und seine Kinder
Ahmad mit zwei seiner Kinder. Im Flüchtlingslager Schatila hoffen sie auf eine bessere Zukunft.

Im Libanon kehrte sich ihre Rolle herum. Sie mussten ihren Schmuck und Wertgegenstände verkaufen, um zu überleben. „Wir sind völlig abhängig von der Unterstützung, die wir erhalten“, sagt Hanaá über die Hilfe der Vereinten Nationen. Der Großteil fließt in die Miete, und von dem, was dann noch übrigbleibt, müssen sie ihre Schulden abzahlen. Doch die steigen stetig.

Die Familie gehört zu den 58 Prozent der Flüchtlingshaushalte aus Syrien, die mittlerweile in extremer Armut leben – mit weniger als 2,87 US-Dollar, rund 2,44 Euro,  pro Person pro Tag. Das sind laut UN-Bericht 5 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Eine neue Art des Lebens

Ahmads Herzkrankheit liegt wie ein Schatten auf der Familie. Er benötigt eine Operation, kann aber die Kosten von 4.300 US-Dollar, rund 3.661 Euro, nicht bezahlen. Das sorgt in der Familie für große Unsicherheit. „Wenn du Geld hast, kannst du tun, was du willst. Ohne Geld musst du warten und hoffen“, sagt Hanaá.

Für Ahmad war es eine Herausforderung, sich auf die neue Situation einzustellen. „Die größte Umstellung war psychologischer Natur, weil wir früher selbst bedürftige Menschen unterstützt haben. Jetzt bin ich völlig von anderen abhängig. Ich kann nicht einmal für meine eigene Operation bezahlen.“

Die Familie kann sich im Winter keine entsprechende Kleidung leisten. Stattdessen versuchen sie, sich mit zusätzlichen Decken warm zu halten. „Ich versuche alles zu tun, um zu verhindern, dass meine Kinder krank werden“, sagt Hanaá und fügt hinzu: „Es kostet ja auch Geld, mit ihnen zum Arzt zu gehen.“

Langfristige Gesundheitshilfe

Mit finanzieller Unterstützung der EU erhalten Hanaá und andere Flüchtlinge psychosoziale Hilfe vom Palästinensischen Roten Halbmond. Die Helfer beraten die Flüchtlinge auch rund um Hygiene- und Gesundheitsfragen, um ihnen zu helfen, Krankheiten künftig zu vermeiden. Weil es häufig lange dauert, bis Krankenwagen und medizinisches Personal im Lager ankommen, erhalten die Flüchtlinge zudem Erste-Hilfe-Schulungen. „Unsere Situation ist sehr schwierig, deshalb bin ich glücklich über das, was ich gelernt habe. Es gibt mir Selbstvertrauen und Mut, anderen zu helfen“, sagt Hanaá.

Als Teil der Hilfe erhält das örtliche Krankenhaus zusätzliche Ausrüstung. Das stärkt die Kapazitäten, um die vielen Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen zu können, die in das Lager geflohen sind. Eine Reinigungskampagne zur Verbesserung der Bedingungen im Camp gehört ebenso zum Hilfsprogramm. Ähnliche Anstrengungen werden in sieben weiteren palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon unternommen.

Das Madad-Programm: Hilfe in Syriens Nachbarländern

Die Hilfe in den libanesischen Flüchtlingssiedlungen ist Teil des MADAD-Programms – Madad bedeutet: „Gemeinsam helfen“. 15 Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften – darunter das DRK – arbeiten in dem internationalen Hilfsprogramm unter Leitung des Dänischen Roten Kreuzes zusammen. Im Rahmen von MADAD erhalten bis zu einer Million syrische Flüchtlinge und Gastgemeinden in der Türkei, dem Libanon, Jordanien, Irak und Ägypten Unterstützung. Ziel ist es, die Lebensbedingungen und die Widerstandsfähigkeit der Menschen zu verbessern, aber auch das friedliche Miteinander fördern. Das MADAD-Pogramm wird über einen Treuhandfonds von der Europäischen Union mit 49 Millionen Euro gefördert.

» Hier erhalten Sie weitere Informationen zum MADAD-Programm.

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Fotos: Jakob Dall

Geschrieben von:

John Engedal Nissen
Der gelernte Journalist ist beim Dänischen Roten Kreuz für die Kommunikation verantwortlich. Im Rahmen des MADAD-Projekts, das von der Europäischen Union finanziert wird, bereist er die vom Syrienkonflikt betroffenen Nachbarländer, um dort syrische Flüchtlinge zu porträtieren, die vom gleichnamigen Fonds profitieren.

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