Griechenland: Von eitrigen Mandeln, Diabetes und Lebensrettungen

Am 22.07.2016 von Dr. Michael Kühnel-Rouchouze
Foto: Zwei Männer von Roten Kreuz
In Griechenland hat Michael Kühnel (r.) seinen Kollegen Omar wiedergetroffen. Foto: M. Kühnel/ÖRK

Flüchtlingshilfe in Griechenland

Die Frage, die man mir auch diesmal im Freundeskreis immer stellt, ist: Wie wichtig bzw. wie spannend ist die Mission? Zum Thema Wichtigkeit: Jeder Mensch, der bei uns als Mensch bzw. Patient und nicht als Flüchtling, Bittsteller oder Störenfried behandelt und Ernst genommen wird, ist wichtig. Das ist in Griechenland nicht anders als in Wien, München oder Berlin. Menschen kommen, weil sie krank sind, oder einfach Angst haben krank zu werden. Wenn man den ganzen Tag zum Nichtstun verdammt ist, hört man intensiver auf seinen Körper. Es fehlt jeglicher Alltag.

Posttraumatische Belastungsstörung − Wenn man schlimme Dinge einfach nicht vergessen kann

Ein Vater kam mit seinem 8-jährigen Sohn, der laut seiner Aussage epileptische Anfälle hat. Jedes Mal wenn der Kleine spiele und von anderen Kindern getriezt werde, falle er um, sei nicht ansprechbar und nässt ein − also macht in die Hose. Ebenso wenn jemand die Autotür laut zu knallt. Auf die Frage, seit wann das so sei, bekam ich zur Antwort: seit einem Bombenangriff in Syrien. Die nächste halbe Stunde verbrachte ich damit, dem Vater verständlich zu machen, dass es sich dabei nicht um Epilepsie, sondern den Zustand der Dissoziation handle. Dabei geraten Menschen wieder in diese Extremsituation (in diesem Fall den Bombenangriff) und kommen alleine nur schwer aus dieser Erinnerung. Warum denn seine beiden Töchter „normal“ seien und nur der Sohn so, wollte der Mann wissen? Diese wurden erst später geboren und haben die Angriffe kaum mitbekommen. Zum Glück waren unsere KollegInnen von der psychologischen Hilfe da und kümmerten sich sehr liebevoll um die beiden. Der Vater schien zu verstehen, dass es sich dabei um eine normale Reaktion des Körpers auf eine vollkommen abnormale Extremsituation handelte. Ich hoffe, der Kleine bekommt die Hilfe, die er braucht − und viel Verständnis und Liebe von seinen Eltern.

Kidner zeichnen ihre Erinnerungen auf. Foto: M. Kühnel/ÖRK
Kinder zeichnen ihre Erinnerungen auf. Foto: M. Kühnel/ÖRK

Wir haben aber auch viele ganz „normale“ PatientInnen. Metformin − ein oftmals eingesetztes Diabetes-Medikament − ist derzeit unsere Schwachstelle. Man mag es nicht glauben, aber auch Flüchtlinge haben Diabetes. Seit wir unsere Pharmazeutin hier haben, die sich um das Medikamentendepot bzw. die Nachbestellung kümmert, geht alles besser. Unser Depot darf man sich nicht als riesiges Lager vorstellen. Es ist ein kleiner LKW-Container, in dem mehr schlecht als recht ein Klimagerät arbeitet, um die Temperaturen der Medikamente auf den 2 Stellagen halbwegs stabil zu halten. Letzte Woche hatten wir maximum 51°C im Freien − im Zelt habe ich irgendwann zu messen aufgehört.

Unerträgliche Hitze für alle

Morgens um zehn in Griechenland. Foto: M. Kühnel/ÖRK
Morgens um zehn in Griechenland. Foto: M. Kühnel/ÖRK

Ab 14 Uhr nützen die Ventilatoren nicht mehr, da sie nur die ohnehin bereits sehr heiße Luft noch brutaler auf Dich zu pusten. Trinken ist wichtig und ab und zu kleine Pausen.

Die Menschen hier haben eitrige Mandeln, genauso wie auch die Menschen in Österreich. Sie haben Husten, Schnupfen oder Wunden, die wir nähen. Eine Klinik, wie unsere, hilft auch dem Gesundheitssystem, indem wir Alarm schlagen können, wenn es zum Beispiel zu vermehrten Durchfällen kommt. Letzte Woche hatten wir ein paar Tage, an denen wir einige PatientInnen mit Scharlach hatten. Es hat sich nicht weiter ausgebreitet, aber ich war auf der Hut.

Ein Junge hatte Schmerzen im Bereich der Ohrspeicheldrüse, was auf Mumps hätte hinweisen können. Er wies aber nicht die typischen Symptome auf und wurde für den kommenden Tag einbestellt. Ich informierte unsere Teamleitererin, aber es bestätigte sich zum Glück nicht.

Unser WatSan- und Hygieneteam unterstützt uns tatkräftig. Ihre freiwilligen HelferInnen schwärmen in den Lagern aus, geben Tipps, kontrollieren WCs auf Spuren von Durchfall und melden auch uns alles zurück. Auf der anderen Seite machen sie Werbung für unsere Impfaktion.

Natürlich haben wir auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein 80-Jähriger wollte Bustickets, um im Krankenhaus Nachschub für seine diversen Medikamente zu bekommen. Abgesehen davon, dass auch das Krankenhaus nur bedingt Vorräte hat, ist der Weg nach Kilkis beschwerlich. Täglich gehen nur drei Busse in jede Richtung. Daher nahm ich mir seine Liste vor und organisierte ihm für 14 Tage alle seine Medikamente bzw. ähnliche. Am Ende küsste er mich wie einen Sohn auf die Backe und verabschiedete sich mehrfach mit „shoukran“ was auf Arabisch „Danke“ bedeutet.

Lebensrettung in letzter Sekunde

Der Höhepunkt war aber − vor allem für Daniela, unsere Kinderkrankenschwester, und Sanna, unsere Hebamme − eine tolle Lebensrettung. Sie erzählten, dass kurz nach Dienstende ein Vater zu ihnen kam und um Hilfe fragte. Seine Frau habe vor zwei oder drei Tagen per Kaiserschnitt Zwillinge entbunden und sie wären seit drei Stunden wieder daheim im Zelt. Meine beiden Kolleginnen eilten ins Zelt und fanden die beiden (2 kg und 2,4 kg) mitsamt einer schwachen Mutter vor. Die Kinder bewegten sich kaum mehr und waren so rot wie unsere Uniformen. Es hatte an diesem Tag 47°C.

Die jeweils handvoll Mensch wurde in unseren gekühlten Container der Hebamme gebracht, wo sie sich von der Hitze erholen konnten. Anschließend ging es für weitere zwei Tage ins Krankenhaus. Gestern waren sie zur Kontrolle bei uns und ich konnte sie erstmals sehen. Sie sahen nicht so schlecht aus. Ein oder zwei Stunden länger im Zelt und die Kinder wären tot gewesen. Vorwürfe kann man niemandem machen. Das Gesundheitssystem hier ist schwächer als bei uns. Für das Gebiet um Kilkis (etwa 30.000 Einwohner) stehen im Schnitt zwei Ambulanzen zur Verfügung. Wir sind da, um den Menschen hier zu helfen und das System zu entlasten.

Allein für diese beiden kleinen Erdenbürger wäre die Mission jeden Cent wert gewesen. Aber wir tun mehr…

Prävention ist genauso wichtig

Werbung für die Impfaktion. Foto: M. Kühnel/ÖRK
Werbung für die Impfaktion. Foto: M. Kühnel/ÖRK

Kommende Woche wird eine Impfaktion für Mumps, Masern und Röteln durchgeführt. Alle drei sind Erkrankungen, die zu Komplikationen und zum Teil zum Tod führen können. Die Herausforderung ist es, dann alles so zu dokumentieren, dass die Information nicht verloren geht. In Idomeni haben Kollegen einer anderen Hilfsorganisation schon Impfaktionen durchgeführt. Viele haben aber die Bestätigung nicht mehr. Damit ist es schwer zu entscheiden, was man wie impft. Wir wollen das Risiko aber möglichst gering halten.

Wir wollen die Menschen auch auf die europäische Art der Medizin vorbereiten. In ihren Herkunftsländern war es oft üblich, dass man Antibiotika in das Gesäß injiziert bekommen hat. Dies wird bei uns sehr selten bis gar nicht angewandt. Außerdem wurde oftmals für jeden Schnupfen ein Antibiotikum verschrieben. Daher gibt es ein Nord-Süd-Gefälle von Antibiotika-Resistenzen. Je öfter man grundlos dieses Medikament einnimmt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Antibiotikum irgendwann nicht mehr wirkt. Diese Resistenzen kommen in Finnland, Schweden, etc. weniger häufig vor, als zum Beispiel bereits in Griechenland, Ägypten usw.

Daher gilt es im positiven Sinn die Menschen zu erziehen, wie ich es auch bei österreichischen PatientInnen mache. Oftmals war es daheim bei ihnen so, dass Besuche beim Hausarzt bezahlt werden mussten, nicht aber die im Krankenhaus. Daher gilt es auch, den Menschen begreiflich zu machen, dass das System bei uns ein ganz anderes ist. Deshalb gilt für uns als medizinisches Personal: Geduld und Verständnis haben, da man Dinge, die man seit Jahren gewohnt ist zu tun, nicht so einfach abschüttelt.

Wir haben tolle HelferInnen aus den Lagern, die sehr passables Englisch sprechen und uns auf Arabisch dolmetschen. Wir mussten aber feststellen, dass ihnen auch vieles „an die Nieren geht“. Manchmal müssen wir PatientInnen sagen, dass sie zwei Monate auf einen Termin beim Facharzt warten müssen, wie jeder andere auch. Manche Menschen fragen nach Zertifikaten, um schneller aus dem Camp heraus zu kommen oder bitten einfach nur um etwas Geld. Das können bzw. dürfen wir nicht geben. Natürlich wissen das auch die DolmetscherInnen, aber das den oft sehr verzweifelten Menschen sagen zu müssen, belastet diese oft. Sie leben selbst in diesen Lagern und werden oftmals dafür verantwortlich gemacht, weil sie die schlechte Nachricht überbringen. Auch hier werden unsere PsychologInnen aktiv.

Ablenkung für Kinder. Foto: M. Kühnel/ÖRK
Ablenkung für Kinder. Foto: M. Kühnel/ÖRK

Situation verbessert, aber von normal weit entfernt

Ansonsten kann man sagen, dass sich die Bedingungen im Verhältnis zu Idomeni deutlich gebessert haben. Natürlich ist man weit weg von Normalität, hat oftmals Wasserprobleme. Das Militär verteilt zum Teil einen Liter Wasser pro Person und Tag, was bei diesen Temperaturen nichts ist − mehr ist aber geldmäßig nicht drin. Ob das Wasser aus der Leitung trinkbar ist, ist umstritten und unser Team ist dabei, genauere Tests zu machen. Aber zumindest Duschen und Latrinen entsprechen den sogenannten SPHERE Standards.

Keine Ärzte…

Wir haben hier leider auch einen akuten Ärztemangel. Für drei Kliniken stehen drei ÄrztInnen zur Verfügung. Damit ist es schwer, einen freien Tag zu haben. Griechische ÄrztInnen anzustellen, geht auch kaum. Die, die es sich leisten konnten, in der Krise in andere Länder zu gehen, sind weg. Die anderen versuchen das Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten. Diese dann auch noch abzuwerben, empfinden wir als nicht möglich und unfair.

Wir müssen aber bei jedem Patienten voll konzentriert sein. Das macht müde. Nach 12 Tagen en suite ohne freien Tag genieße ich jetzt mal frei zu haben und meinen Blog und meinen Abschlusssreport zu schreiben. Morgen wird dann mein letzter Arbeitstag sein und schon sind sie wieder vorbei… die zwei Wochen aus Liebe zum Menschen…

Was bleibt sind viele Eindrücke, ein Wiedersehen mit Omar, unserem Übersetzer aus Idomeni, viele sehr motivierte KollegInnen, ein tolles WatSan-Team, bestehend aus Chris, Flo, Werner und Mandeep, einer britischen Kollegin, und die Gewissheit, dass man nicht umsonst hier war…hier in Kilkis, wo die Welt bei 51°C etwas anders tickt und wo noch nicht alle Hoffnung vergebens ist.

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Geschrieben von:

Foto: Portrait eines Rotkreuzmitarbeiters. Dr. Michael Kühnel-Rouchouze

Dr. Michael Kühnel-Rouchouze ist Arzt für Allgemeinmedizin mit Diplom in Tropenmedizin und Delegierter des Roten Kreuzes.

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