Foto: Flüchtlingskinder vor einem Zelt.

Die Flüchtlingskatastrophe im Libanon – kein menschenwürdiges Leben

Am 05.04.2016 von Rouven Brunnert

Foto: Flüchtlinge vor ihren Zelten.

Gesundheit ist relativ – vom Alltag in Beirut und in den umliegenden Flüchtlingslagern

In Beiruts Supermärkten sind ‚Salad Tabs‘ der Renner. Eine Tablette genügt, um das ungeniessbare Leitungswasser von Keimen zu befreien, so die Werbung für die Chlortabletten. ‚Salad Tabs‘ heißen sie deshalb, weil in der traditionellen libanesischen Küche viel Grün gegessen wird, wie zum Beispiel Fattouche: ein Salat mit Gurken, Tomaten, Zwiebeln, Radieschen sowie ordentlich Essig und Zitronensaft.

Gesunde Ernährung ist natürlich wichtig. Doch schon der Umgang mit dem Trinkwasser im Libanon stellt sich abenteuerlich dar. Zumindest im Stadtgebiet von Beirut macht man deshalb eher von Wasser aus Plastikflaschen Gebrauch, was wiederum für allerlei Müll sorgt.

Kopfschmerzen gehören zum Alltag

Foto: Flüchtlingskinder vor einem Zelt.
Leben im Provisorium – auch gesundheitlich: jeder fünfte Einwohner im Libanon ist ein Flüchtling.

Beirut hat ein eklatantes Müllproblem, dessen Auswirkungen sich wohl erst im Laufe der Sommertage zeigen werden. Die Behörden kriegen das Problem nicht in den Griff und warnen bereits vor anstehenden gesundheitlichen Risiken. Das stört allerdings nur die Wenigsten, die sich dann in kleinen Gruppen zu Protesten zusammenraufen.

Wenig Umweltbewusstsein zeigt sich besonders auf der Straße, wo einerseits alte Autos aus den Siebzigern laut röhrend dunkle Abgaswolken hinter sich herziehen andererseits zunehmend PS-starke, sündhaft teure SUVs die Stadt erobern. Was absurd ist, weil man in Beirut gar nicht fahren kann: in Beirut reiht man sich jeden Tag in eine Blechlawine ein. Die meisten Fahrer hupen und schimpfen, aber vorwärts geht es nicht. Als Fußgänger kann man hier nur verlieren; Radfahren käme einem Himmelfahrstkommando gleich. Die Stadt kann sich kaum aus ihrer ockerfarbenen Smogwolke befreien, die sie beinahe täglich umgibt. Hals- und Kopfschmerzen gehören somit leider zum Alltag. Starke Nerven sowieso.

Flüchtlinge leiden unter unwürdigen Lebensumständen und an Krankheiten

Außerhalb der Ballungszentren ist die Luft zwar besser, die gesundheitlichen Probleme aber auch gravierender. Mehr als eine Million Flüchtlinge, die meisten aus Syrien, suchen derzeit Schutz im Libanon. Somit ist jeder fünfte Einwohner des Landes rechnerisch ein Flüchtling. Die meisten haben gar keinen Zugang zu Trinkwasser. Die hygienischen Probleme in den einfachen Verschlägen, die sie sich nach ihrer Flucht gebaut haben, sind enorm. Es gibt nur wenige Toiletten und die Behausungen aus Holzresten, Überbleibseln von Baumaterialien, umherliegenden Steinen und aus Plastikplanen bieten den Menschen kaum Schutz. Dutzende, manchmal hunderte Behausungen sind es, die sich entlang der Straßen außerhalb von Beirut bis in die Bekaa-Ebene eine Existenz gefräst haben.

Verteilung von Öfen
Verteilung von Öfen für Flüchtlinge.

Hier versuchen Mitarbeiter des Libanesischen Roten Kreuzes (LRC) mit Unterstützung des DRK und seiner Partner echten gesundheitlichen Problemen beizukommen. Besondere Unterstützung brauchen jene, die ohnehin kraftlos, hungrig oder krank in den Libanon gekommen sind. Viele kauern mit ihrer Familie in Hütten, in denen es oft nicht einmal einen Fussboden gibt. In der Bergregion nahe der syrischen Grenze in Rachaya pfeift der kalte Wind dieser Tage empfindlich durch die Ritzen der Behausungen und rüttelt sie heftig durch, so dass die Planen immer wieder peitschenartig aneinanderschlagen. Ruhe und Erholung findet hier niemand.

Dementsprechend schlecht ist der Gesundheitszustand vieler Flüchtlinge. Ob Hepatitis A, Cholera, Tuberkulose, Lungenentzündung oder offene Wunden – die Liste einschneidender gesundheitlicher Probleme, die hier von den vermeintlich Schwächsten ertragen werden muss, ist schier unendlich.

Das DRK untersützt Flüchtlinge

Hilfsgüterverteilung
Hilfsgüter des DRK werden mit Hilfe des Libanesischen Roten Halbmonds verteilt.

Mit finanzieller Förderung des Auswärtigen Amtes und der EU unterstützt das DRK mit der Disaster Management Unit (DMU) vom Libanesischen Roten Kreuz diese Menschen.Jeden Monat werden unter Anderem 1.000 Hygienepakete und 1.000 Nahrungsmittelpakete an die notleidenden Bewohner ausgegeben. Viele Betroffene sind zu schwach, um sich selbst zu versorgen; die Lebensumstände erschweren ihre Gesundung. Rotkreuzler und Ärzteteams sind daher 24 Stunden am Tag im Einsatz, um die Menschen wieder gesund zu machen und ihnen eine menschenwürdigere Perspektive zu verschaffen.

Unter diesen Bedingungen über Müll-, Abgas- und Verkehrsprobleme oder über verkeimtes Stadtwasser oder gar über ‚Salad Tabs‘ zu referieren ist moralisch anzuzweifeln. Daher vergessen Sie die anfänglich geschilderten gesundheitlichen Risiken, denen ich mich im Beiruter Alltag ausgesetzt sehe, bitte spätestens jetzt.

» Bitte unterstützen Sie unsere Flüchtlingshilfe mit Ihrer Spende.

» Hier finden Sie mehr Infos zur Flüchtlingshilfe des DRK im Nahen Osten

Fotos: Rouven Brunnert/ DRK, Libanesischer Roter Halbmond

Geschrieben von:

Foto: DRk-Mitarbeiter vor den Dächern Beitruts Rouven Brunnert
Rouven Brunnert ist als DRK-Mitarbeiter für den Nahen Osten in Beirut stationiert. Foto: Rouven Brunnert/ DRK.

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