Haiti: 100 Tage nach dem Erdbeben 1/2

Am 22.04.2010

André Hemping-Bovenkerk ist seit vier Wochen als Teamleiter der DRK-Basisgesundheitsstation in Port au Prince tätig. Zuvor war er für das Rote Kreuz bereits in unterschiedlichen Ländern, unter anderem in Indien und im Iran, im Einsatz und hat dort nach Erdbeben Hilfe geleistet. 100 Tage nach dem schweren Erdbeben in Haiti berichtet der Anästhesist über die aktuelle Situation vor Ort. Dies ist der erste von insgesamt zwei Teilen seines Beitrags, den wir hier veröffentlichen.

von André Hemping-Bovenkerk

Dieser Einsatz ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer! Die Katastrophe hat eine Millionenstadt, die Hauptstadt Haitis und damit viele Organisationsstrukturen zerstört. Für weitere Hilfe fehlt insbesondere der Platz, den man sonst in ländlicheren Gegenden schnell findet, nicht aber in einer dicht bevölkerten Millionenstadt.

Viele Menschen kampieren aus Angst vor weiteren Beben noch immer im Freien
Viele Menschen kampieren aus Angst vor weiteren Beben noch immer im Freien © André Hemping-Bovenkerk, DRK

Auf jeder freien Fläche, die nicht von Trümmern bedeckt ist, wurden notdürftig Camps aufgeschlagen und die Zahl der Zeltlager nimmt auch 100 Tage nach dem Erdbeben wieder zu, da viele Menschen wegen des beginnenden Regens aus den größeren Camps in kleinere in der Nähe ihrer alten Häuser umziehen.

Der Wiederaufbau hat begonnen

Viele Menschen leben nach wie vor neben den Überresten ihrer zerstörten Häuser, weil sie sich noch nicht trauen, in den Ruinen oder noch intakten Häusern zu übernachten. Die Angst vor neuen Erdbeben ist immer noch groß und mit Beginn der Regenzeit kommt eine neue Gefahr hinzu: Viele beschädigte Häuser brechen unter der immensen Wasserlast während einer Regenperiode zusammen. Dennoch kehrt immer mehr Leben in die Straßen und Plätze zurück. Viele Menschen fangen an, die Ruinen abzutragen und beginnen mit dem Wiederaufbau – alles per Hand! Große Baumaschinen sieht man sehr selten und so dauert es eben länger.

Die „Sonnenstadt“ ist das Armutsviertel von Port au Prince

Noch mehr als andere Städte ist Port au Prince bei starken Niederschlägen betroffen: Die Hanglage der Stadt bewirkt, dass sich der Unrat aus den Straßen der höher gelegenen Stadtteile im Tal sammelt, wo sich der Slum von Port au Prince, die so genannte „cité de soleil“- zu Deutsch „Sonnenstadt“ befindet. Der Name, der einem Reiseprospekt entstammen könnte, täuscht darüber hinweg, dass es sich hier um eines der schlimmsten und am dichtesten besiedelten Armutsviertel der Welt handelt. Gerade dort in den Camps verschlimmert der drei- bis viermal wöchentlich, hauptsächlich abends, einsetzende Regen die Situation. Viele Menschen leben immer noch in Zelten oder unter Plastikplanen und können aufgrund des Regens nicht schlafen, weil sie Angst um die Dinge haben, die ihnen noch geblieben sind, und ihr Hab und Gut vor den ablaufenden Wassermassen schützen wollen.

Vieles hat sich in den Wochen, in denen ich hier bin, bereits verändert und die Hilfe des Roten Kreuzes aus über 35 Nationen hat viel erreicht. Dennoch ist allen, die in Haiti Hilfe leisten, klar, dass die Katastrophe noch nicht vorüber ist. Das Erdbeben ist 100 Tage her, die Lage fing gerade an, sich zu stabilisieren und es hatte den Anschein, dass es bergauf geht. Doch schon nimmt die Gefahr für die Bevölkerung Port au Princes mit Beginn der Regenzeit wieder zu. Und wenn diese vorüber ist, beginnt die Zeit der Tropenstürme…

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