Libanon: „Endlich gehen meine Kinder nicht mehr hungrig schlafen“

Am 04.07.2019 von Oana Bara

Blick in ein Flüchtlingslager im Libanon

Read the English version

Die tragische Situation Syriens der letzten Jahre hat eine Flüchtlings- und Migrationskrise erschaffen, die als eine der größten humanitären Katastrophen der jüngeren Geschichte bezeichnet werden kann. Für eine ganze Generation von Kindern ist bewaffnete Gewalt und Flucht das einzige Leben, das sie kennen. Rund 5,7 Millionen Menschen haben ihre Heimat verlassen und 6,2 Millionen sind Binnenflüchtlinge im eigenen Land.

Das hat auch die Nachbarländer, wie den Libanon, stark getroffen. Seit Beginn der Syrienkrise haben weit über eine Million Menschen Zuflucht im benachbarten Libanon gesucht. Auf der Suche nach Unterkunft, Versorgung und Sicherheit vor Gewalt benötigen sie, auch fast acht Jahre nach Ausbruch des Konfliktes, dringend Unterstützung.

Im Gespräch mit einer Familie, die Bargeldhilfe erhält

Portrait einer Flüchtlingsfamilie im Libanon
Die Familie Alaziz Albredi aus Hama, Syrien

Bei unserem Besuch in Hermel, im Norden Libanons, haben wir die Möglichkeit, mit der Familie Alaziz Albredi aus Hama zu sprechen. Die sechsköpfige Familie lebt gemeinsam in einem kleinen Haus und wird vom Roten Kreuz mit Bargeld unterstützt. Die ganze Familie ist stark betroffen von den Auswirkungen der Syrien-Krise. Ali Alaziz Albredi schildert, wie sich ihre Situation in den letzten Jahren verändert hat und was die Unterstützung des Roten Kreuzes für ihn und seine Familie bedeutet:

Ali, Sie werden vom Roten Kreuz mit Bargeld unterstützt – was können Sie mit diesen Beträgen kaufen?

Unsere älteste Tochter, Batoul, hatte nur einen dünnen Pullover für den Winter. Mit der ersten Auszahlung haben wir ihr eine dicke Jacke gekauft. Sie können sich nicht vorstellen was es für uns als Eltern bedeutet, endlich seinem Kind sagen zu können, dass es seine Jacke anziehen soll bevor es rausgeht.

Anschließend haben wir unsere Miete und die Stromrechnung bezahlt. Wir haben zu dem Zeitpunkt seit mehr als einem Jahr keine Rechnungen mehr begleichen können. Daher ist es, nach den Bedürfnissen der Kinder, immer das Haus, um das wir uns als erstes kümmern, damit wir weiterhin ein Dach über dem Kopf haben. Die Mieten sind extrem hoch. Auch das normale Leben ist sehr teuer hier. Lebensmittel und Haushaltswaren sind mittlerweile fast unerschwinglich für uns.

Seitdem wir vom Roten Kreuz unterstützt werden, haben wir die Möglichkeit selbst zu bestimmen, wofür wir unser Geld ausgeben. Das ist unglaublich hilfreich für uns. Wenn eines unserer Kinder plötzlich krank wird, können wir Medikamente besorgen. Falls in der Schule spezielle Dinge gebraucht werden, wie Sportschuhe, können wir das unseren Kindern ermöglichen.

Gibt es Arbeit für die Geflüchteten hier?

Es ist nicht einfach. Es gibt nur sporadisch die Möglichkeit auszuhelfen, beispielsweise im Gemüseanbau. Das ist aber stark abhängig von der Saison und meistens sehr schlecht bezahlt. Kaum genug, um eine Großfamilie durchzubringen.

In Syrien war ich selbstständiger Schneider und in verschiedenen Fabriken regelmäßig angestellt. Aufgrund der Krise gab es irgendwann keine Arbeitsmöglichkeiten mehr und wir mussten fliehen. Wir hatten bis dahin ein wirklich tolles Leben. Aber Sie sehen ja, wie sich die Dinge entwickelt haben.

Im Libanon angekommen habe ich sofort versucht etwas zu finden, um unseren Lebensunterhalt zu finanzieren. Leider ohne Erfolg. Erst als wir nach Hermel, in den Norden Libanons gezogen sind, habe ich eine Anstellung in einem Supermarkt gefunden. Dort habe ich einige Zeit arbeiten können, bis ich von einem lokalen Schneider angestellt worden bin. Ich arbeite jeden Tag von 9 Uhr bis 19 Uhr für 15.000 LBP (umgerechnet 10 US-Dollar).

Was sind die größten Herausforderungen für Sie und Ihre Familie?

Die größte Herausforderung ist es, jeden Tag Essen für unsere Familie zu besorgen, damit unsere Kinder nicht hungrig schlafen gehen müssen. Manchmal, wenn wir wirklich nichts haben, macht meine Frau Tee und legt ein Stück Brot rein, damit sie wenigstens etwas im Magen haben. Zwei unserer Kinder sind mangelernährt. Seitdem wir die Bargeldhilfe bekommen, können wir zumindest eine Mahlzeit am Tag sicherstellen.

Auch sind die extremen Winter- und Sommermonate eine große Herausforderung für uns. Im Winter wird es teilweise bitterkalt und der Sommer ist sehr heiß. Auf beides müssen wir vorbereitet sein, wenn wir alle gesund bleiben wollen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass wir wieder als glückliche Familie leben können. Wir wollen mit unseren Kindern Dinge unternehmen, Freundschaften aufbauen und uns eine unbeschwerte Existenz erschaffen. Das ist momentan nicht möglich.

Stellen Sie sich vor, Ihr Sohn hätte gerne eine Banane. Eigentlich kein unmöglicher Wunsch. In unserer Situation müssen wir uns aber überlegen, was wir aufgeben können, um ihm eine Banane kaufen zu können.

Sie sehen, wir brauchen ein wenig Ruhe und Seelenfrieden. Es ist sehr schwierig, wenn man jahrelang um seine Existenz kämpfen muss. Vor allem aber müssen wir gesund bleiben, für unsere Kinder.

» Erfahren Sie mehr über die DRK-Hilfe im Libanon!

» Erhalten Sie mehr Informationen über die Hilfe in Syrien und seinen Nachbarländern.

Fotos: Oana Bara/DRK

Geschrieben von:

Foto: Portrait einer DRK-Delegierten Oana Bara
Oana Bara ist Kommunikations-Delegierte des Deutschen Roten Kreuzes im Libanon. Sie koordiniert Presseanfragen rund um die Projektregion Nahost und berichtet in Text und Bild von der Arbeit des DRK in den verschiedenen Bereichen. Regelmäßig besucht sie vom Libanon aus Projekte und Hilfsempfänger des Roten Kreuzes in den Nachbarländern.

2 Kommentare zu “Libanon: „Endlich gehen meine Kinder nicht mehr hungrig schlafen“

  1. Hallo zusammen…

    ob des unglaublichen internationalen Engagements für ganz viele Projekte bin auch ich hoch motiviert mich beteiligen zu wollen…

    Herzliche Grüsse bzw. Unterstützung aus Schleswig-Holstein 🐄🐳🛳

    Euer Dirk Schünemann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*