Zwei jemenitische Männer stehen zwischen Trümmern

Jemen: `Wir können nicht´ zu sagen, ist keine Option!

Am 06.04.2022 von DRK-Team

jeminitischer Arzt und Rothalbmondhelfer auf Trümmern

Im krisengeschüttelten Jemen leisten viele Helfende Unglaubliches. Trotz Mangel, enormen Herausforderungen oder obwohl sie selbst vertrieben sind, gehen sie Tag für Tag unermüdlich an ihre Arbeit, um Menschen in Not beizustehen. Lernen Sie zwei von ihnen kennen – einen Arzt, dessen Krankenhaus vom Jemenitischen Roten Halbmond (YRCS) unterstützt wird, und einen vertriebenen Familienvater, der sich beim YRCS engagiert.

Ein weiterer Tag, um das Unmögliche wahr zu machen

Portrait eines jemenitischen Arztes
Dr. Abdulaziz

In den Fluren des Republican Hospital nördlich der Stadt Saada, einer Stadt im Nordwesten des Jemen, macht Chefarzt Dr. Abdulaziz seine tägliche Visite, untersucht dutzende Patienten und schaut, ob in der Notaufnahme alles in Ordnung ist. Das Krankenhaus ist keine große Einrichtung, aber sehr wichtig, denn als eines der wenigen der Region kann es Überweisungen für komplexere Fälle entgegennehmen und stationäre Behandlungen anbieten. Das medizinische Team behandelt deshalb nicht nur Patientinnen und Patienten aus Saada, sondern auch aus den benachbarten Regionen und Gouvernements.

Aufgrund des andauernden Konflikts steht das Republican Hospital, wie viele andere Gesundheitseinrichtungen im Jemen, vor überwältigenden Herausforderungen. Es gibt häufige Stromausfälle, einen chronischen Mangel an Versorgungsgütern und ständige Sicherheitsbedenken. Viele medizinische Fachkräfte arbeiten inzwischen ohne Bezahlung, weil kein Geld für Gehälter vorhanden ist. „Unsere Arbeit ist rein humanitär“, sagt Dr. Abdulaziz, „deshalb können wir nicht aufhören oder sagen: ‚Wir können nicht‘. Das Leben der Patienten und das Leben vieler Menschen hängt von diesem Krankenhaus ab, und wenn wir aufhörten, könnten sie sterben, weil die Dienste nicht zur Verfügung stehen.“

Jemenitischer Arzt bei Visite
Dr. Abdulaziz bei der Visite im Republican Hospital Saada. Helfende des Jemenitischen Roten Halbmonds unterstützen die Belegschaft des Krankenhauses bei verschiedenen Aktivitäten.

Gesundheitspersonal unter großem Druck

Sieben Jahre Konflikt haben für die Gemeinde des Arztes, das Krankenhaus und das Gesundheitspersonal viele Folgen gehabt. Vor einem zerstörten Haus in der Stadt Saada erinnert sich Dr. Abdulaziz. „In den ersten Tagen des Konflikts kamen ständig verwundete Patienten in das Krankenhaus, um Hilfe zu suchen.“ Das Gesundheitspersonal steht nach wie vor unter großem Druck, um neben der stationären Behandlung auch Hilfe und Soforthilfe zu leisten.

Jemenitischer Arzt im Gespräch mit Männern
Vor der Notaufnahme beantwortet Dr. Abdulaziz Fragen und hört sich die Sorgen der Patienten an, die wegen einer dringenden Behandlung gekommen sind.

In der Notaufnahme behandeln die medizinischen Fachleute täglich Dutzende Patienten, viele von ihnen werden vom Jemenitischen Roten Halbmond gebracht. Einige der Patienten leiden an Verletzungen, die in direktem Zusammenhang mit dem Konflikt stehen, viele kommen aber auch aufgrund indirekter gesundheitlicher Folgen wie Unterernährung und Krankheiten – verursacht durch nicht funktionierende Wasser- und Abwassersysteme.

„Das Beste für mich ist, wenn wir es schaffen, das Leben eines Patienten zu retten, der im Sterben lag“, erzählt Dr. Abdulaziz, „und wenn wir Menschen Schmerzen nehmen können. Das sind die Dinge, die uns zufrieden mit unserer Arbeit machen“.

Chronische Krankheiten können tödlich sein

Jemenitischer Arzt versorgt eine Dialysepatientin
Die 17-jährige Seham Saleem ist eine der vielen Patientinnen und Patienten mit Nierenversagen, die im Republican Hospital eine Dialysebehandlung erhalten.

Der Konflikt führt dazu, dass behandelbare chronische Krankheiten wie Nierenversagen tödlich enden können. Nierenkranke Patienten kommen zwei- bis dreimal pro Woche zur Behandlung ins Krankenhaus. Häufige Stromausfälle aber unterbrechen die Dialyse. Im ganzen Land arbeiten viele Krankenhäuser mit verschlissenen Maschinen, Stromausfällen und unzureichendem Personal. Nach Angaben des IKRK sind seit Beginn des Konflikts im Jahr 2015 jedes Jahr bis zu 25 Prozent der Dialysepatienten im Jemen verstorben.

In der Abteilung für Unterernährung werden fast täglich zwischen 35 und 40 Kinder aufgenommen. Dabei unterscheiden die Fachleute zwischen akuter und chronischer Unterernährung. Die Patienten erhalten eine unterstützende Behandlung und angemessene Ernährung, bis sich ihr Zustand verbessert.

Jemenitischer Klinik-Arzt untersucht ein Kleinkind
Dr. Abdulaziz untersucht ein Kleinkind in seiner Klinik.

Im Jahr 2021 waren im Jemen nach Schätzungen der Vereinten Nationen 2,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren von akuter Unterernährung und weitere 400.000 von schwerer Unterernährung bedroht. Dort herrscht die weltweit größte Not in Bezug auf Ernährungssicherheit, fast 20 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Stolz über gemeisterte Herausforderungen

Angesichts der vielen Engpässe und Schwierigkeiten ist Dr. Abdulaziz sehr stolz darauf, dass sein Krankenhaus die Herausforderungen meistert. Mitarbeitende und Freiwillige des Jemenitischen Roten Halbmonds, die bei einer Reihe von Aktivitäten innerhalb des Krankenhauses helfen, teilen diesen Stolz. Einige von ihnen arbeiten im IKRK-Gliederzentrum, das Prothesen und physische Rehabilitationstherapie anbietet für Menschen, die Arme und Beine verloren haben.

„Ich kann mich in ihre Lage versetzen“

Zwei jemenitische Rothalbmondhelfer
Rothalbmond-Helfer Walid (li.) mit einem Kollegen.

Die Gefahr durch den Konflikt zwang Walid und seine Familie zur schwierigen Entscheidung, ihr Haus und all ihr Hab und Gut zurückzulassen. Sie mussten zweimal umziehen, bis sie einen neuen Ort fanden, den sie ihr Zuhause nennen konnten.

Walid erinnert sich an die Zerstörung seines Hauses in der Hauptstadt Sana’a durch einen nahen Luftangriff: „Es war fast 1:15 Uhr morgens, als wir aus unserem Haus flohen. Unser Haus bekam Risse und stürzte fast vollständig ein. In diesem Moment haben wir beschlossen, woanders zu leben.“

Neuanfang in Saada

Beim Versuch, das Leben weiterzuführen und seiner Familie Stabilität zu geben, fand Walid die Möglichkeit, sich als Freiwilliger des Jemenitischen Roten Halbmonds zu engagieren.
Mehr als zwei Jahre lang arbeitete er als Feldforscher in der Stadt Saada, wo er seine Leidenschaft für humanitäre Arbeit und die Hilfe für notleidende Menschen entdeckte. Heute arbeitet Walid als Sozialgutachter im Gemeindezentrum für Vertriebene in Saada. Er leistet Feldforschung in der Stadt und hilft bei der Registrierung von Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen. „Das ist viel mehr als nur ein Job“, sagt Walid. Schließlich kann er so vielen Familien helfen, die das gleiche Leid wie er und seine Angehörigen erfahren haben.

jemenitischer Rothalbmondshelfer mit seinen Kindern
Rothalbmond-Helfer Walid mit seinen beiden Kindern – zwölf und acht Jahre alt.

Im Einsatz für Vertriebene

Seit dem Ausbruch des Konflikts haben tausende Familien ihr Eigentum verloren und fast vier Millionen Menschen waren wie Walids Familie gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Der Jemenitische Rote Halbmond und andere Organisationen unterstützen rund 7.300 Menschen in Saada, die durch den Konflikt vertrieben wurden.

Jemenitischer Rothalbmondmitarbeiter im Gespräch mit Vertriebenem
Für seine Arbeit führt Walid Gespräche mit potentiellen Hilfsempfängern.

Da er selbst zu den Vertriebenen gehört, kann Walid die Bedürfnisse dieser Menschen besser verstehen. „Ich bin sehr froh, diesen Job zu haben, denn wenn ich die Situation anderer Vertriebener beurteile, kann ich mich in ihre Lage versetzen“, sagt er. „Manchmal, wenn ich mit dem Team zu den Familien gehe, spüre ich sofort, welche Bedürfnisse sie haben, noch bevor sie zu sprechen beginnen.“

Rothalbmond-Hilfe für Menschen im Jemen

Im Jahr 2021 versorgte der Jemenitische Rote Halbmond mehr als 53.000 Haushalte im ganzen Land mit Unterkünften, Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln. Außerdem bot er über das Gemeinschaftszentrum in Amran, einer Stadt nordwestlich von Sa’ana, Dienstleistungen wie psychosoziale Unterstützung an, und stellte Bargeld sowie Nahrungsmittel für mehr als 284.000 Menschen bereit.

Jemenitischer Rothalbmond-Mitarbeiter auf seinem Heimweg
Nach acht Stunden Arbeit kommt Walid nach Hause und wird von seinen Kindern herzlich empfangen.

Katastrophen wie Überschwemmungen und Dürren haben die Lage für viele Menschen zusätzlich verschärft, so dass der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Wasser und sanitären Einrichtungen von entscheidender Bedeutung ist. Der Jemenitische Rote Halbmond versorgt 6.692 Haushalte mit sauberem Wasser – insgesamt schätzungsweise mehr als 46.800 Menschen in verschiedenen Bezirken des Jemen.

 

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Fotos: Mohammed Almoayed

Text: Faisal Lutf

Geschrieben von:

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Als DRK-Team stellen unter anderem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Online-Redaktion des Deutschen Roten Kreuzes Persönlichkeiten oder Schicksale vor und führen Interviews.

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