Myanmar: Einsatz in schwieriger Zeit

Am 15.07.2021 von IFRC

Die Freiwilligen des Myanmarischen Roten Kreuzes (MRCS) sind angesichts der unsicheren Lage und der Corona-Pandemie besonders gefordert, um Verletzten und anderen Menschen in Not zu helfen. Zwei von ihnen berichten hier von ihren Einsätzen und Erfahrungen.

“Diese Zeiten sind nicht normal, aber ich bin auf meine Einsätze vorbereitet”, sagt Hein Latt Naing, 30 Jahre alt und seit 15 Jahren als Freiwilliger beim Myanmarischen Roten Kreuz in Thingangyun in der Metropole Yangon.

Vor Februar 2021 arbeitete er als stellvertretender Leiter eines Covid-19-Quarantäne-Stützpunkts in seiner Gemeinde. Er half dabei, Menschen, die unter Quarantäne standen, zu versorgen und zu testen, und er sorgte auch für die Reinigung und Desinfektion dieser Stationen.

Seit Beginn der Unruhen in Myanmar Anfang Februar  kam es immer wieder zu Demonstrationen. Ende März weiteten sich die Unruhen, die in den Städten Yangon und Mandalay begannen, auf Städte und Dörfer im ganzen Land aus.

„Als die Proteste begannen, eröffneten wir drei Erste-Hilfe-Stationen, um jedem zu helfen, der in Not war“, erklärt Naing. „Damals hatten wir nicht so viel zu tun und behandelten hauptsächlich Menschen mit Kreislaufproblemen sowie kleinere Verletzungen von Motorradunfällen.“

Rettung per Motorrad

Rettung per Motorrad
Krankentransport mit dem Motorrad

Seit dem Ausbruch von gewalttätigen Auseinandersetzungen im März ist der humanitäre Bedarf vor Ort immens gestiegen. Die politisch angespannte Lage hat Auswirkungen auf das gesamte öffentliche Leben, und eben auch auf die Arbeit der Ersthelfenden.

„Die Straßen um unseren Bezirk waren blockiert, und der Krankenwagen war mit einem anderen Fall beschäftigt, also zog ich meine Rotkreuz-Uniform an, nahm meinen Ausweis und ging hinaus, um zu helfen“, sagte Naing. „Einer der Männer, die ich in dieser Nacht antraf, war schwer verwundet. Ich, hob ich ihn auf mein Motorrad und band seinen Oberkörper mit einem Longyi (Stück Stoff) an meinen Körper, und wir fuhren zum Krankenhaus. Ein Arzt aus unserer Station hatte ihm eine Infusion gelegt, die ich an einem Bambusstab hielt, während ich schnell durch die dunklen Straßen fuhr. In dieser Nacht habe ich das Leben dieses Mannes gerettet“.

Unübersichtliche Lage

Freiwillige Rotkreuzheferin
Die 41-jährige Lay schildert die unübersichtliche Lage.

Nach den Ereignissen im Februar verbreiteten sich Wochen später Falschmeldungen, die die Neutralität der Freiwilligen des Roten Kreuzes anzweifelten. Daraufhin kam es zu Angriffen auf Rotkreuzhelfer.

Die 41-jährige Lay Lay Khat, eine erfahrene ältere Rotkreuz-Freiwillige aus Mon Sate, war dabei: „Unser Leben stand auf dem Spiel. Die größte Herausforderung für uns ist, dass alle Seiten verstehen, dass das Rote Kreuz immer neutral ist. An diesem Tag musste ich den Gemeindeleitern sehr vorsichtig erklären, wer wir sind, um die Situation zu entschärfen.“

Am selben Tag kam es zu einem weiteren Einsatz. Lay Lay Khats Team eilte zur Einsatzstelle und versuchte Verletzte zu evakuieren. „Ich schnappte mir die Fahne des Roten Kreuzes, um zu zeigen, wer wir sind. Wir haben allein an diesem Tag mindestens 30 Verwundete medizinisch erstversorgt“, erzählt sie.

Die Rotkreuz-Freiwilligen haben auch Lebensmittel, Decken, Moskitonetze und Hygieneartikel verteilt an Menschen, die vertrieben oder deren Häuser zerstört wurden.

Immer schwierigere Bedingungen im ganzen Land

Die Situation in Myanmar wird seit Februar 2021 für die Menschen immer schwieriger. Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist stetig gestiegen, während sich die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen weiter verschlechtern. Krankenhäuser und das öffentliche Gesundheitswesen funktionieren kaum noch, und das Bankenwesen, der Transport und die Versorgungsketten von Lebensmitteln, anderen Waren und Dienstleistungen sind stark gestört.

Öl und Reis für eine Familie, die in der derzeitigen Krise auf die Hilfe des Myanmarischen Roten Kreuzes angewiesen ist.

Die medizinische Notfallversorgung und die Gesundheitsdienste in den Krankenhäusern, einschließlich der Versorgung von Müttern und Neugeborenen, sind extrem eingeschränkt. Freiwillige des Myanmarischen Roten Kreuzeswurden in allen Regionen des Landes zusammen mit 143 Krankenwagen mobilisiert, um Hilfebedürftige zu unterstützen.

Mehr als 2.000 Freiwillige des Roten Kreuzes betrieben rund 400 Erste-Hilfe-Posten, um in den drei Monaten rund 3.000 Menschen zu versorgen. Die Erste-Hilfe-Teams haben außerdem Hunderte Menschen in Krankenhäuser transportiert und dabei auch eine Reihe von größeren und kleineren Verletzungen, einschließlich Schusswunden, behandelt.

In Gebieten, in denen die lokale Bevölkerung keinen Zugang zu medizinischen Einrichtungen hat, hat das Myanmarische Rote Kreuz Erste-Hilfe-Posten und Gemeindekliniken in seinen Zweigstellen eingerichtet, in denen freiwillige Ärzte und medizinisches Personal die medizinische Grundversorgung sicherstellen. Die Erste-Hilfe-Teams des Myanmarischen Roten Kreuzes haben bei der Überweisung von rund 600 Patienten zur weiteren Behandlung in Krankenhäusern oder medizinischen Zentren geholfen und außerdem 64 schwangeren Frauen und Neugeborenen geholfen, eine Notfallbehandlung zu erhalten.

Medizinisches Personal wird in Myanmar zur Zielscheibe

Seit Anfang Februar 2021 gab es 158 gemeldete Angriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens, die laut der Weltgesundheitsorganisation zu 11 Todesfällen und 51 Verletzungen führten.

„Viele der humanitären Organisationen können sich jetzt nicht mehr so frei bewegen“, erklärt Hein Latt Naing. „Das Rote Kreuz ist eine der wenigen Organisationen, die diese Dienste anbieten können. Ich engagiere mich, weil ich stolz darauf bin, Mitglied des Roten Kreuzes zu sein. Ich möchte den Menschen einfach nach besten Kräften helfen. Es gibt eine Hotline-Nummer, unter der die Leute von unserem Gemeindebüro aus einen Krankenwagen anfordern können“, sagt Naing. „Dieser bringt die Patienten kostenlos ins Krankenhaus. Wir arbeiten Tag und Nacht und kehren manchmal erst um 3.00 Uhr morgens ins Büro zurück.“

Text und Fotos: Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC)


Was macht das Deutsche Rote Kreuz in Myanmar:

Das DRK unterstützt das Myanmarische Rote Kreuz bei der Durchführung von Rettungs- und Erste-Hilfe-Maßnahmen in den Regionen Yangon und Kachin.

Erste Hilfe ist einer der Schwerpunkte des DRK in Myanmar. Dabei geht es darum, die Kapazität von MRCS durch Erste-Hilfe-Leitlinien, Trainingsmaterial und Aktionspläne zu stärken.

Derzeit werden diese Grundlagen auf nationaler Ebene durch regionale und lokale Aktivitäten praktisch umgesetzt: Grundlagentrainings in Erster Hilfe für Mitarbeitende, Freiwillige, Gemeinden und lokale Multiplikatoren, außerdem Erste Hilfe-Trainings mit Schwerpunkten auf Traumata oder psychosoziale Unterstützung im Zusammenhang mit Covid-19

Außerdem wurden mit Unterstützung des DRK 1.500 Erste-Hilfe-Pakete sowie 5.000 Infobroschüren verteilt und 80 Freiwillige im Umgang mit Massenanfällen von Verletzten geschult.

Zusätzlich unterstützt das DRK mobile Erste-Hilfe-Stationen, Ambulanzen und persönliche Schutzausrüstung für Mitarbeiter und Freiwillige.

Sobald die Schulen wieder geöffnet sind, werden dortige Erste-Hilfe-Aktivitäten wieder aufgenommen, um Schülerinnen und Schüler als künftige Wissensträger und potenzielle Ersthelfer auszubilden.

>> Unsere aktuelle Pressemitteilung zu Myanmar: https://www.drk.de/presse/pressemitteilungen/meldung/unruhen-humanitaere-lage-in-myanmar-verschlechtert-sich-drk-hilft/

>> Zu den Projekten des DRK in Myanmar

Geschrieben von:

IFRC
Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gemeinschaften (IFRC) veröffentlicht Berichte von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im internationalen Einsatz. Hier kommen auch immer wieder die Betroffenen zu Wort, denen die IFRC weltweit hilft. Mehr z.B. unter: https://media.ifrc.org/ifrc/news/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*