Orthopädie-Programm in Afghanistan

Am 22.02.2011
Im Orthopädiezentrum üben Patienten das Laufen mit Beinprothesen (Foto: H.Giebel)

Von DRK-Referent Hellmut Giebel

Im Orthopädiezentrum des IKRK am Stadtrand von Kabul schenkt Alberto Cairo Tee ein, erläutert seine Arbeit, scherzt mit den Gästen und beantwortet Fragen seiner Mitarbeiter – alles gleichzeitig und abwechselnd auf Englisch und Dari, mit singendem italienischem Akzent. Als Leiter der Einrichtung begrüßt er uns herzlich und führt uns umgehend durch den Techniktrakt des Orthopädiezentrums.

Hier produzieren in einer kleinen Fabrik einheimische Angestellte alles, was Minenopfer benötigen: Rollstühle, Krücken, Hand-, Fuß- und Beinprothesen, Gehhilfen, Übungsgeräte, etc. Alle Hilfsgeräte werden den Patienten individuell angepasst. Vor allem Kinder benötigen individuelle Betreuung über viele Jahre hinweg, denn wie Schuhe wachsen ihre Gehhilfen nicht mit und müssen mehrmals im Jahr ausgewechselt werden.

Cairo betont, dass nur Mitarbeiter, die selbst einmal durch Minenunfälle Gliedmaßen verloren haben, als Techniker oder Physiotherapeuten eingestellt werden. Diese Einstellungspolitik schafft nicht nur Arbeitsplätze für Behinderte, sondern motiviert auch die Patienten der Einrichtung, wieder Sinn in ihrem Leben zu sehen: Man kann auch als Behinderter gut leben und noch dazu anderen etwas geben.

Für uns Besucher ist es eine faszinierende Erfahrung zu beobachten, wie die Patienten dieser segensreichen Einrichtung wieder laufen lernen. Mit ein oder auch zwei künstlichen Beinen durchschreiten sie sicher die Übungshalle mit ihren Spiegeln an den Wänden. Sie überqueren künstliche Hindernisse, balancieren auf Rohren und ersteigen steile Treppen. Kleine Kinder, Männer und Frauen oder auch bärtige Greise machen ihre Übungen ruhig, ernst und konzentriert. Man spürt ihr Vertrauen in die Physiotherapeuten, die sie ebenso ruhig und konzentriert begleiten und unterstützen.

Übung mit Prothese: Ein Betreuer hilft einem Patienten beim Balancieren (Foto: H.Giebel)
Übung mit Prothese: Ein Betreuer hilft einem Patienten beim Balancieren (Foto: H.Giebel)

Hausbesuch bei querschnittsgelähmten Minenopfern

Auch außerhalb des Orthopädiezentrums leisten Sozialarbeiter des Roten Halbmondes Hilfe für Minenopfer und Querschnittsgelähmte, die in ihren Privathäusern betreut werden. Sie alle haben Unfälle erlitten und sind dauerhaft gelähmt. Wir begleiten einen Sozialarbeiter, dessen rechter Arm fast unmerklich in eine künstliche Hand mündet, bei zwei seiner Hausbesuche. Seine positive Ausstrahlung, sein Mitgefühl mit seinen Patienten und seine aufmunternde Art berühren uns. Er vermittelt uns wieder einmal das kostbare Gefühl von Dankbarkeit, selbst gesund, beweglich und unversehrt zu sein.

In der ersten Familie treffen wir einen Vater, der vor einigen Jahren als Soldat einen Minenunfall erlitten und ein Bein verloren hat. Ohne Peinlichkeit zeigt er uns nüchtern seinen Stumpf und erklärt uns, wie seine Prothese angepasst wurde und seitdem täglich an- und ausgezogen wird. Seine Frau ernährt nun die Familie, und der älteste Sohn übernimmt mit seinen zwölf Jahren diskret und selbstverständlich die Pflichten des Gastgebers gegenüber uns westlichen Besuchern. Er begrüßt uns, verteilt Tee und Bonbons an die Gäste und steht stumm an der Haustür bis wir nach dem Abschied außer Sichtweite sind.

Bei der zweiten Familie liegt der älteste Sohn seit einem Autounfall querschnittsgelähmt im Bett. Seine Geschwister sind beim An- und Ausziehen behilflich und helfen ihm, sich stundenweise in eine Art Gestell mit integriertem Tisch einzuhängen, von dem aus er am Familienleben teilnehmen kann. Er lernt im Alter von 17 Jahren Lesen und Schreiben. Sein Sozialarbeiter sorgt mit seiner ruhigen und selbstverständlichen Art dafür, dass der junge Mann über seine Schmerzen spricht und sich in seiner Traurigkeit und Einsamkeit verstanden fühlt.

Während wir durch Armutssiedlungen und bescheidene Mittelklassewohngebiete zum Hotel zurück fahren, lassen wir unsere Beobachtungen Revue passieren: zur Behandlung von Minenopfern gehört nicht nur das Anpassen von Prothesen, sondern vor allem die psychische Betreuung dieser Menschen.

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