Foto: Pakistanische Rothalbmondhelferin leistet Erste Hilfe bei einem Jungen

Pakistan: „Erste Hilfe kann den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.“

Am 23.07.2020 von Anita Kanwal

Foto: Rothalbmondhelferin in Pakistan leistet Erste Hilfe bei einem Jungen

Unsere Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung wird erst durch die Freiwilligen zu dem, was sie ausmacht. In unseren Projekten treffe ich immer wieder Menschen, die mir in Erinnerung bleiben – Freiwillige, die für ihre Gemeinden eine wichtige Rolle spielen und der Menschlichkeit ein Gesicht geben, wie die junge Pakistanerin Hina Urwa*, die sich in unserem Projekt zur Verringerung des Katastrophenrisikos engagiert.

Hina Urwa ist 24 Jahre alt und stammt aus dem Distrikt Shangla. In ihrer Gemeinde ist sie nicht nur die jüngste Ersthelferin, sondern auch ein gutes Beispiel für die Kraft des Durchhaltevermögens. Derzeit mobilisiert sie für das Projekt „Gemeindebasierte humanitäre Katastrophenvorsorge“ Menschen, die sich als Ersthelfer*innen, in der Katastrophenvorsorge oder als Gesundheitsberater*innen am Projekt beteiligen wollen. Es wird durch den Pakistanischen Roten Halbmond umgesetzt und vom Auswärtigen Amt und dem DRK finanziell unterstützt.

Hinas Weg zum Roten Halbmond in Pakistan

Foto: Pakistanische Ersthelferin versorgt einen Jungen auf dem Schoß seiner Mutter
Hina zeigt, wie sie einen warmen Umschlag macht.

Ihr Schwager Ashiq Samir Khan*, der seit 2012 Ehrenamtlicher beim Pakistanischen Roten Halbmond ist, hat Hina Urwa motiviert, sich ebenfalls zu engagieren. Was immer ihr Schwager beim Roten Halbmond lernte, das teilte er mit seiner Familie. 2016 wurde Ashiq Samir im Rahmen eines Vorgängerprogramms schließlich als Ersthelfer für den Distrikt ausgewählt. In dieser Zeit entwickelte auch Hina ihr Interesse für die Erste Hilfe. Sie war wissbegierig, wollte mehr lernen und selbst Freiwillige werden, doch ihre Familie war dagegen. Trotzdem setzten Hina Urwa und Ashiq Samir ihre Bemühungen fort und so wurde Hina schließlich 2016 Freiwillige beim Pakistanischen Roten Halbmond. Seither hat sie mehrere Schulungen durchlaufen und beteiligt sich rege an den Aktivitäten, besonders in der Ersten Hilfe. „Sie ist sehr neugierig und beim Lernen äußert enthusiastisch“, findet ihr Schwager.

Ihre Familie war zunächst gegen Hinas Entscheidung, aus Furcht, dass niemand bereit sein würde, die junge Frau zu heiraten, wenn sie ihre Arbeit fortführte. Schließlich leben sie in einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Frauen nicht arbeiten. Doch ihre Familie hat mittlerweile erkannt, dass Hina großartige Arbeit im Dienste der Menschlichkeit leistet. Die junge Frau passt sich dabei den kulturellen Normen der Gemeinschaft an – so trägt sie bei ihren Gemeindebesuchen lokale Kleidung mit Burka. Darüber hinaus ist sie inzwischen glücklich verlobt. „Die Schwierigkeiten haben mich eher bestärkt“, sagt Hina Urwa. „Die Rotkreuz-Rothalbmond-Bewegung macht mich zu einer starken Frau, ich kann Bedürftigen in Notlagen helfen.“

Foto: Pakistanische Ersthelferin erwärmt Baumwolle auf einer Stahlpfanne
Die junge Helferin erwärmt Baumwolle für einen heißen Umschlag.

Mit Tatkraft im Einsatz

Hina hilft, wann immer jemand Beistand benötigt. Kürzlich passierte es während einer Erste-Hilfe-Sitzung im Rahmen des Projekts. Während des Trainings bemerkten Hina Urwa und ihr Team, wie ein sechsjähriges Mädchen auf dem Boden lag und dass seine Mutter um Hilfe rief. „Die Kleine hatte sich an der Hand geschnitten und blutete. Die Mutter war in diesem Moment hilflos“, erinnert sich Hina. „Ich legte einen Druckverband auf die Wunde, um die Blutung zu stillen. Wir informierten unsere männlichen Teammitglieder, sie sollten das Mädchen ins Krankenhaus transportieren.“ Schließlich brachte einer aus dem Team das Kind ins Krankenhaus.

Erste-Hilfe-Schulung von Freiwilligen in Pakistan
Mit Hilfe des DRK-Projektes lernen junge Frauen Erste-Hilfe-Grundlagen.

 

Bei einer anderen Gelegenheit warteten Hina Urwa und ich während eines Projektbesuchs auf eine Kollegin. Plötzlich kam eine Mutter mit ihrem fünf Monate alten Mädchen, das wegen hohen Fiebers und Hustens heftig weinte. Hina nahm es mit großer Vorsicht in den Arm. Sie fragte die Mutter: „Waren Sie beim Arzt oder haben Sie ihr Medikamente gegeben?“ Diese verneinte, ihr Mann war dienstlich verreist und ihr fehlte das Geld, um ihr Baby ins Krankenhaus zu bringen. Hina bat nun die Hausbesitzerin um Baumwolle und Öl sowie eine Stahlpfanne zum Erwärmen. Nachdem sie das Baby beruhigt hatte, massierte sie seine Brust mit dem Öl und legte die warme Watte auf. Danach sprach die junge Freiwillige ruhig mit dem Kind und es schlief ein, bevor Hina die Mutter bestärkte, möglichst bald einen Arzt aufzusuchen.

Foto: Ersthelferin in Pakistan mit Mutter und Kind
„Ich bin dem DRK sehr dankbar, dass es in unserer Gemeinde die Initiative ergriffen hat“, sagt Hina Urwa.

„Was ich heute bin, verdanke ich dem Roten Halbmond“

Die 24-Jährige ist überzeugt vom Stellenwert der Ersten Hilfe: „Zwar kann es bedrückend sein, Zeugin von Vorfällen wie Blutungen oder Ersticken zu werden, doch der Einsatz eines Ersthelfers vor Ort ist äußerst wichtig. Einfache Maßnahmen, wie Druck auf eine Wunde auszuüben, um die Blutung zu stoppen, oder simple medizinische Instruktionen zu geben, können den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.“ Sie möchte allen Menschen, die vielleicht einmal mit einem Notfall konfrontiert sind, etwas mit auf den Weg geben: „Seien Sie tapfer und treten Sie vor, um zu helfen. Auch Sie könnten das Leben eines Menschen retten.“

Die Erste Hilfe und ihr Engagement beim Roten Halbmond haben ihr Selbstvertrauen gestärkt, sagt Hina Urwa. „Was ich heute bin, verdanke ich dem Pakistanischen Roten Halbmond und dem DRK.“

Über das Projekt

Das Projekt „Gemeindebasierte humanitäre Katastrophenvorsorge“ wird vom Pakistanischen Roten Halbmond mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amts in Sazin, Distrikt Kohistan, und Ismail Khel, Distrikt Shangla, umgesetzt. Beide Regionen sind anfällig für Naturgefahren wie Sturzfluten und Erdrutsche, Stürme, Steinschläge und Lawinen. Gleichzeitig sind grundlegende Einrichtungen wie Schulen, Gesundheitsstationen und Straßen schlecht ausgebaut. Die Alphabetisierungsrate ist sehr niedrig, während die Menschen arm und weitgehend abhängig von der Landwirtschaft und Gelegenheitsarbeit (Tagelöhner) sind. Das Projekt umfasst Maßnahmen in den Bereichen Katastrophenvorsorge – einschließlich der humanitären Katastrophenvorsorge –, Gesundheitsvorsorge und Erste Hilfe, aber auch Kapazitätsaufbau und Sicherheit an Schulen.

Rettungswesten für die katastrophenvorsorge in Pakistan
Rettungswesten für das Katastrophenvorsorge-Projekt in Pakistan

„Ich bin dem DRK sehr dankbar, dass es in unserer Gemeinde – einem stark benachteiligten Gebiet – die Initiative ergriffen hat. Es bringt durch seine Aktivitäten positive Veränderungen in unsere Gemeinschaft, besonders im Bereich der weichen Komponenten. Die weiblichen Gemeindemitglieder sind hoch motiviert, zu lernen und die Dinge zu üben, die sie in den verschiedenen Schulungen lernen, darunter Erste Hilfe.“

Ich bin sicher, dass Hina Urwa durch ihr Engagement und ihre Begeisterung einige Frauen in ihrer Gemeinde inspiriert. Mich jedenfalls hat sie für sich eingenommen.

Erfahren Sie hier mehr über unsere Hilfe in Pakistan.

  • * Namen geändert

Text (aus dem Englischen) und Fotos: Anita Kanwal/DRK

Geschrieben von:

Anita Kanwal
Anita Kanwal ist beim Deutschen Roten Kreuz verantwortlich für Projekt-Monitoring und Öffentlichkeitsarbeit. Im Rahmen ihrer Tätigkeit hat sie unter anderem Projekte in Pakistan besucht.

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