Philippinen: Das Leben nach dem Sturm

Am 26.03.2012

Von Zoran Filipovic, DRK-Delegierter auf den Philippinen

In Iligan, Bezirk Barangay Hinaplanon, treffe ich Jesus Lequin. Er erzählt mir seine Geschichte. Vor dem Tropensturm „Washi“ im Dezember 2011 führte er mit seiner Frau, drei erwachsenen Kindern und seinem jüngsten Kind, das noch zur Schule geht, ein angenehmes Leben. „Ich hatte eine kleine Polsterei mit drei Maschinen, die uns ernährte. Wir kamen gut über die Runden und das Leben war leicht in unserer Nachbarschaft. Zwei meiner Kinder arbeiteten im Massagesalon“, erzählt Jesus Lequin.

Das Haus von Familie Lequin ist rund 250m vom Flussufer entfernt, es wurde aus einem Zementblock und Holz gebaut sowie mit Dachplatten versehen. Jesus erinnert sich: „In der Nacht der Katastrophe sahen wir um Mitternacht, dass etwas nicht stimmte.“ In ihrer Nachbarschaft waren bereits fünf Häuser völlig zerstört.

Jesus Lequin im Gespräch mit DRK-Mitarbeiter Zoran Filipovic vor einem beschädigten Haus.
Jesus Lequin im Gespräch mit Zoran Filipovic

„Gegen 0:30 Uhr stand das Wasser in unserem Haus kniehoch, eine Stunde später schulterhoch. Als uns klar wurde, was geschah, stürmten wir zu einerhöher gelegenen Fernstraße in der Nähe. Dort verbrachten wir die Nacht.“ Der Weg zur Straße war hart, die Familiemitglieder mussten durch Wasser, Schlamm und Schutt laufen – mit der ständigen Angst, vor dem, was passieren könnte, mit der Angst um ihr Leben. „Diese erste Nacht verbrachten wir sitzend auf der betonierten Straße und versuchten zu schlafen.“ Um 5:00 Uhr begann der Wasserstand zu sinken und die Menschen kehrten nach Hause zurück – besonders jene, die von ihren Familien getrennt waren.

Am Morgen war das Wasser verschwunden, aber das Haus zerstört. Die Straßen waren bedeckt mit Schlamm. „Unsere Möbel waren ruiniert und auch alle drei Maschinen waren nicht zu reparieren“, erzählt mir der Familienvater. „Weil wir Angst vor neuen Überschwemmungen hatten und gesehen haben, was die Baumstämme aus illegaler Abholzung flussaufwärts angerichtet hatten, blieben wir im ersten Stock des nahe gelegenen Restaurants. Es ist massiv gebaut und hatte keine ernsthaften Schäden durch die Überschwemmung.“ Nach wenigen Tagen zog die Familie zu ihren Verwandten, bis sie sich entschieden hat, zurück nach Hause zu gehen und am 17. Januar heimkehrte. Das Gebäude war völlig zerstört, so dass Jesus mit seiner Frau und seinen Kindern nun im Haus von Nachbarn wohnt, das nach der Entfernung von Schutt und Schlamm wieder bewohnbar war.

Eine ganze Woche räumte die Familie auf ihrem Grundstück, sie konnten nichts wiederherstellen. Nun sortieren sie aus dem Schutt Material, das sie für eine neue Hauskonstruktion wiederverwenden können. „Leider haben wir keine Werkzeuge, außer einige Schaufeln, die wir von den Nachbarn geliehen haben“, sagt Jesus mir.

Eine Familie steht in den Trümmern ihres zerstörten Hauses.
Jesus Lequin und seine Familie an ihrem zerstörten Haus

Die Familie hat kein Einkommen mehr. Jesus erzählt: „Ohne Maschinen kann ich nicht arbeiten. Auch meine Kinder, die im Massage-Salon arbeiteten, haben im Moment keine Kunden, denn die Leute sind mit dem Wiederaufbau beschäftigt und müssen mit ihrem Leben klarkommen. Sie haben nicht die Zeit oder den Wunsch bei einer Massage zu entspannen.“ So lebt Jesus und seine Familie heute von Spenden. Die Bezirksbehörde von Barangay gab ihnen einmal im Monat 3 kg Reis und 3 Sardinen.

Um ihr Grundstück zu räumen, benötigt die Familie Maschinen. „Unter unseren Freunden haben wir Maurer, die uns bei Wiederaufbau unseres Hauses helfen werden. Glücklicherweise ist das Land nicht zu einer Zone erklärt worden, in der nicht gebaut werden darf.“

Jesus erzählt, dass es vor dem Sturm keine Warnung von den Behörden gab. „Unsere ganze Nachbarschaft wurde dann evakuiert und die meisten sind immer noch in den Evakuierungszentren. Wir sind eine der ersten Familien, die zurückgekehrt ist. Die Wasserversorgung ist noch nicht wiederhergestellt und auch Strom gibt es nicht.“ Ihr Wasser erhält Familie Lequin aus einem Wassertank, der wenige Straßen entfernt vom Philippinischen Roten Kreuz aufgestellt wurde. Helfer des Philippinischen Roten Kreuzes haben ihnen auch zwei 10-Liter-Kanister, zwei Matratzen und zwei Decken gegeben.

Eine Frau steht vor einem Wassertank und einer Verteileranlage mit Wasserhähnen.
An einem Wassertank vom Philippinischen Roten Kreuz holt sich Familie Lequin ihr Trinkwasser.

Für mich als DRK-Delegierten ist die Ausdauer und die Widerstandsfähigkeit sowie der klare Geist dieser Leute das Erstaunliche in diesem Gespräch gewesen. Sie haben nichts von uns erwartet und uns um nichts gebeten. Sie sind glücklich gewesen, dass jemand mit ihnen spricht und versucht hat zu verstehen, was ihnen in dieser Nacht passiert ist. Sie sagen, dass sie Glück haben, weil sie noch leben und dass sie mit aller Kraft versuchen werden, ihr Leben wieder aufzubauen. Es gibt nicht einmal Unmut über das Versagen des Frühwarnsystems, aber sie schätzen die Bemühungen der Regierung, der Hilfsorganisationen, Gemeinden und jeder Personen mit dem Willen zu helfen.

Ich denke, wir können viel von den Menschen hier lernen und motiviert durch Geschichten wie diese unsere Bemühungen verstärken.

Die Rotkreuz-Hilfe wird hier sehr geschätzt: „Vielleicht werden wir dem Roten Kreuz als freiwillige Helfer beitreten, wenn unser Haus aufgebaut ist“, meinen Jesus Lequin und seine Familie.

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