Normalerweise steht mein Schreibtisch in Berlin-Lichterfelde im Generalsekretariat des DRK. Seit vergangener Woche steht er nun in Cox’s Bazar in Bangladesch. Für rund zwei Wochen bin ich zur Unterstützung des dortigen DRK-Büros gereist, um bei einer der aktuell tragischsten Krisen zu helfen. Seit Ende August sind mehr als 400.000 Menschen innerhalb von nur einem Monat vor mutmaßlicher Gewalt in Rakhine / Myanmar nach Bangladesch geflüchtet. Gemeint sind die zurzeit in allen Medien präsenten Menschen aus Rakhine. Zusammen mit dem DRK-Team vor Ort planen und organisieren wir die Nothilfe des DRK für die geflüchteten Menschen.
DRK arbeitet seit bald 30 Jahren in Bangladesch
Schon während des Landeanflugs auf den kleinen aber sehr geschäftigen Regionalflughafen kann ich erahnen, was mich erwartet. Weite Teile des Landes sind überflutet – die Monsunzeit war dieses Jahr besonders lang und intensiv. Ein weiterer Ansporn den Menschen möglichst schnell zu helfen. Schon am nächsten Tag soll es mit dem DRK-Geländewagen in die hügelige Region um Cox’s Bazar für eine erste Bedarfsanalyse gehen. Zunächst aber treffen wir unsere Kollegen vom Bangladeschischen Roten Halbmond (BDRCS) für einen ersten Austausch zur aktuellen Lage. Man kennt sich gut, schließlich arbeitet das DRK seit rund 30 Jahren in Bangladesch Seite an Seite mit dem Bangladeschischen Roten Halbmond in den Bereichen Katastrophenschutz und Risikomanagement.
Vorher Reisfeld – jetzt Flüchtlingslager

Gemeinsam fahren wir in das Flüchtlingslager Kutupalong, etwa eine Autostunde von Cox’s Bazar entfernt. Die engen Straßen rund um das Lager sind völlig verstopft. Überall sieht man Menschen,vor allem Kinder und Frauen, aber auch bunt bemalte Rikschas und Lastwagen mit Hilfsgütern für die Geflüchteten aus Rakhine. Wo vorher Wald und Reisfelder waren, leben nun Zehntausende Menschen in einfachen Bambushütten, nur durch dünne Plastikplanen vor der beißenden Sonne und den schweren Monsunregenfällen geschützt. Die Lebensbedingungen sind katastrophal. Bei unserer Bedarfsanalyse stellen wir, nicht wirklich überrascht, schnell fest, dass es für die meisten Menschen weder sauberes Trinkwasser noch genügend sanitäre Anlagen gibt. Besonders sauberes Trinkwasser ist ein großes Problem, da es an vielen Stellen nur verschmutztes oder versalzenes Wasser gibt und der Zugang zu trinkbarem Grundwasser nur erschwert möglich ist.
200.000 Flüchtlinge aus Rakhine auf engstem Raum
Den ganzen Tag kämpfen wir uns durch die schlammigen Wege der engen Zeltstadt. Rund 200.000 Menschen sollen hier leben. Soweit man sieht, nur Bambushütten mit den charakteristischen schwarzen Plastikplanen. Kaum vorstellbar, dass hier Zehntausende

Menschen leben sollen. Es ist laut, heiß und man riecht, dass viele der schnell errichteten Latrinen bereits überquellen. Wir sprechen mit zahlreichen Flüchtlingen aus Rakhine, um mehr über die Probleme und Bedürfnisse der Menschen zu verstehen. Viele sind tagelang von Myanmar zu Fuß ins benachbarte Bangladesch gelaufen, um sich in Sicherheit zu bringen. Einige sind völlig entkräftet, hungrig und zum Teil auch verletzt. Besonders traurig macht es, wenn wir mehr Details von ihrer Flucht erfahren. Die Menschen erzählen von der Gewalt, den Entbehrungen auf der Flucht und von der Angst um ihre Familien und Freunde, die sich noch irgendwo in Myanmar versteckt halten.
Sprachlos aber nicht hilflos
Auch für mich persönlich ist es eine äußerst schwierige Situation, das Ausmaß und die Dimension des Leids machen einen sprachlos. 200.000 Menschen unter diesen Bedingungen leben zu sehen, sorgt für einen großen Kloß im Hals. Wann und wie viele Menschen noch kommen werden, ist völlig unklar. Klar ist nur, dass sie Hilfe benötigen werden und das möglichst schnell. Zurück in unserer Unterkunft fangen wir an, die Hilfe des DRK zu planen. Es gibt sehr viel zu tun. Schon bald werde ich durch einen Kollegen abgelöst, ein Wasser- und Sanitärexperte, der die Nothilfe-Aktivitäten des DRK vor Ort leiten wird. Dann werde ich meinen Schreibtisch in Cox’s Bazar räumen und an meinen Schreibtisch in Berlin-Lichterfelde zurückkehren.
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Fotos: Andreas Kasseck / DRK