Somalia: Besuch bei Hannas Familie

Am 19.12.2017 von Mareike Tobiassen
Somalische Frauen vor ihrer Hütte
Besuch in Somaliland, 2017. Foto: Lucy Schweingruber/DRK

Als wir Hanna und ihre Mutter besuchen, ist es gerade Mittag. Das kleine Dorf Xidhxidh, neun Autostunden entfernt von der Hauptstadt Hargeisa, scheint gerade noch stiller zu sein, es ist die Zeit zwischen dem Mittags- und dem Nachmittagsgebet. Auffallend wenig Vieh gibt es hier in den Dörfern, anders als ich es noch von meinen Besuchen vor eineinhalb Jahren her kenne. Die Größe der Ziegen-, Kuh-, und Kamelbestände hat sich wegen der anhaltenden Dürre im letzten Jahr sehr stark verringert.

Hargeisa, Somaliland im September 2017. Foto: Lucy Schweingruber/DRK

Wir sitzen vor der kleinen Rundbehausung, deren schützende Wand aus Plastikplanen und Stoffen die Form eines großen Iglus hat. Es weht ein kräftiger Wind, nicht untypisch für diese Jahreszeit, und das unglaublich helle, somali-typische Licht lässt uns unsere Augen zusammenkneifen.

Hier lebt die dreijährige Hanna, die seit ihrer Geburt körperlich und geistig behindert ist, sie kann nicht gehen und nur sehr schlecht sehen. Ihre Mutter hatte sie in die mobile Klinik gebracht, denn sie wusste über Nachbarn Bescheid, wo sich die Kliniken derzeit befinden. Und weil dort festgestellt wurde, dass Hanna unterernährt war, unterstützen wir ihre Familie mit Bargeldhilfen.

Mobile Kliniken bieten Erstversorgung für Kinder, Schwangere und junge Mütter

Drei mobile Kliniken sind für unser Projekt gemeinsam mit dem Somalischen Roten Halbmond (SRCS) in den Gemeinden in Odweyne und Ainabo unterwegs und bieten eine einfache Erstversorgung für Kinder, Schwangere und junge Mütter an. Die Teams aus Ärzten, Krankenschwestern und Ernährungsexperten fahren in die Gemeinden und behandeln die Menschen, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, direkt in ihren Gemeinden. Rund 31.500 Personen sollen davon profitieren.

Somalisches Baby wird in der mobilen Klinik gewogen
So werden die Kinder gewogen und wenn Unterernährung festegstellt wurde, bekommen die Familien Bargeldhilfen. Foto: Niederländisches Rotes Kreuz

Zu dem integrierten Projekt gehören neben den mobilen Kliniken und Hygieneschulungen auch ein Ernährungsprogramm: Kinder unter fünf Jahren werden auf ihren Ernährungsstand getestet und gegebenenfalls unterstützt. Dazu gehört auch Hanna. Ihre Familie erhält zusätzliche finanzielle Hilfe für vier Monate. Mit dem Geldbetrag, der per Handy überwiesen wird, können sie auf den Märkten in der Gegend die für sie wichtigsten Dinge zum (Über-)leben kaufen.

Regional angepasste Bargeldhilfen

Ich frage Hannas Mutter danach, wie viele Mahlzeiten sie und ihre vier Kinder, zwischen 0 und 11 Jahren, momentan essen. Es sind Frühstück und ein kleiner Abendsnack, für mehr reicht es momentan nicht. Traditionell besteht die Grundnahrung aus Fleisch, Milch und zugekauftem Reis, Sorghum und / oder Bohnen. Doch da die Dürre die meisten der Tiere verdursten und verhungern ließ, fehlt ein Großteil der sicheren Einkommensquelle.

drei Hände mit Samenkörnern
Verschiedene Getreide und Hülsenfrüchte bilden Grundnahrungsmittel der Somalis. Foto: Pedram Yazdi/ ICRC

Die Märkte funktionieren weiterhin, die Grundnahrungsmittel werden meist aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Äthiopien importiert. Der regional festgelegte Preis für die monatliche Bargeldhilfe wird monatlich von einem Forschungsinstitut bestimmt. So ermöglicht diese Form von Nothilfe es den Haushalten, individuell zu bestimmen was sie benötigen, und sie stärkt zudem noch die lokale Wirtschaft.

Düstere Prognosen – die Lage bleibt angespannt

Die Dürre in Somalia hält auch im Herbst 2017 weiter an. Die Prognosen für die Region am Horn von Afrika sind keine guten: es wird erwartet, dass auch Anfang 2018 für in der gesamten Region Somaliland Nahrungsmittel knapp bleiben werden. Die Vorhersage bis Anfang Mai 2018 zeichnet sogar noch ein schlimmeres Bild. Offiziell wird noch nicht von einer Hungersnot gesprochen, (der Gebrauch des englischen Wortes „famine“ wird nur äußerst selten und lediglich in der höchsten Eskalationsstufe verwandt), doch die gesamte Region steht am Rande einer schlimmen Katastrophe.

Eine mobile Klinik wird aufgebaut, die Helfer des Somalischen Halbmonds können damit auch sehr entlegene Dörfer erreichen. Foto: IFRC

Die ausgebliebenen Regenperioden seit März 2016, die normalerweise zyklisch auftreten und die Ernte- und Viehhaltung der Menschen bestimmen, haben Somaliland in eine akute Nahrungsmittelknappheit gebracht und vielfach die Lebensgrundlage zerstört. Und obwohl es im September und Oktober dieses Jahres ausreichend geregnet hat, sind die Lebensgrundlagen der Menschen weiterhin akut bedroht.

Dank der finanziellen Unterstützung der Generaldirektion Humanitäre Hilfe (ECHO) kann das DRK seine Unterstützung für den SRCS weiter ausweiten. Dieses Mal für eine Region im Osten des Landes, in den Regionen Ainabo und Odweyne in Toghdeer.

Die somalischen Kollegen sind motiviert

Ich verabschiede mich von Hanna und ihrer Mutter und verweise noch einmal auf die kostenlose Nummer, die sie mit der Simkarte unseres Bargeldhilfe-Projektes anrufen kann, sollte sie Fragen oder Beschwerden haben. So versuchen wir, eine Transparenz aufrecht zu halten und mögliche Probleme direkt anzugehen. Auf meinem Weg gehen wir noch im Dorfladen vorbei, um mit der Inhaberin über Versorgungsketten und mögliche Engpässe zu sprechen.

Im Dorfladen gibt es Dinge des täglichen Bedarfs. Foto: Mareike Tobiassen/DRK

Es ist spät geworden, und wir müssen auf unserer Fahrt zurück nach Burao Tempo machen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück durch den Checkpoint zu kommen. Die Regierung Somalilands sieht es aus Sicherheitsgründen nicht gerne, wenn internationale Organisationen noch nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs sind. Ich frage meinen Kollegen Ahmed vom SRCS, ob er denkt, dass Hanna eine reale Chance haben wird. Seine Antwort stimmt mich nachdenklich: „Weißt Du, Mareike, es liegt nicht in unserer Hand Dinge grundlegend zu ändern. Wir können sie aber vorübergehend verbessern.“ Ich denke, dass es genau diese Einstellung ist, die die Motivation meiner Kolleginnen vom Somalischen Roten Halbmond aufrecht hält.

Helfer des Somalischen Roten Halbmonds und Frau
Bargeldhilfen stellen eine gute Möglichkeit dar, den Menschen direkt Mittel zur verfügung zu stellen, damit sie sich bei lokalen Geschäften die Dinge kaufen können, die sie am meisten benötigen. Foto: Mareike Tobiassen

Das Projekt mit den Mitteln der Europäischen Union wird noch bis einschließlich Februar 2018 diese Familien unterstützen. Fest steht aber auch, dass die gesamte Region auch noch weit in das Jahr 2018 von humanitärer Nothilfe abhängig sein wird. Deshalb sind wir weiterhin auf Ihre Spenden angewiesen.

Die Generaldirektion Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission (ECHO) wurde 1992 gegründet. ECHO unterstützt Nothilfeprojekte in den meisten Konflikt- und Katastrophengebieten auf der Welt. Mehr Informationen zu ECHO finden Sie hier: http://ec.europa.eu/echo/index_en.htm

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Geschrieben von:

Mareike Tobiassen Mareike Tobiassen
Mareike Tobiassen ist im DRK-Generalsekretariat Beraterin für die Cash-Transfer-Programme in der Auslandsnothilfe. Von August bis Dezember 2017 war sie für das DRK im Auslandseinsatz in Somalia. Mareike Tobiassen arbeitet seit 2015 für das DRK, unter anderem für den für den Ebolaeinsatz in Liberia und Sierra Leone, und als Referentin für Ostafrika.

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