Syrienflüchtlinge: "Wir haben gar nichts mehr zu Essen"

Am 07.11.2013 von René Schulthoff

Lebensmittel-Verteilung an Syrische Flüchtlinge im Bekaa-Tal Libanon

Von René Schulthoff, Communications Delegierter des DRK im Libanon

Seit zwei Tagen bin ich in Beirut im Libanon. Ich werde mich in den kommenden 4 Monaten im Nahen Osten aufhalten und die Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Roten Kreuzes für die Syrienkrise unterstützen. Das bedeutet, ich werde die Projekte des DRK in Syrien, aber auch in den Nachbarländern Libanon, Jordanien und Türkei begleiten und darüber berichten.

Zusammen mit meiner Österreichischen Kollegin Christina, dem Irischen Projektleiter David und Projektmanager Charbal vom Libanesischen Roten Kreuz fahre ich am frühen Morgen aus Beirut heraus. Es ist nicht mehr so heiß, wie noch vor wenigen Wochen. Man merkt auch im Libanon, dass der Winter bald da ist. Wir wollen in das bekannte Bekaa-Tal fahren; nicht ganz hinein ins Tal, aber an den Rand der Ebene.

Mehr als 720.000 Flüchtlinge im Libanon

In die Bekaa Ebene haben sich im Laufe der zunehmenden Auseinandersetzungen in Syrien seit 2011 tausende Frauen, Kinder und Männer aus dem gesamten syrischen Staatsgebiet geflüchtet. Täglich kommen neue Vertriebene. Mittlerweile sind offiziell mehr als 720.000 Menschen aus Syrien im Libanon als Flüchtlinge beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nation (UNHCR, Stand 31.10.2013) registriert. Sie befinden sich im Libanon in Regionen um Beirut, im Norden um Tripoli, im Dörfern im südlichen Teil des Libanon und die meisten Flüchtlinge halten sich im Bekaa-Tal auf.

Nach eineinhalb Stunden Fahrt in östliche Richtung erreichen wir das kleine Städtchen Saddnayel. Schon von weitem sehe ich im Zentrum die Krankenwagen des Libanesischen Roten Kreuzes und die kleine Ambulanzstation. Davor: die Schlange dunkel gekleideter Menschen. Es sind vor allem Frauen mit kleinen Kindern. Aber auch einige junge und ältere Männer warten darauf, dass der geparkte LKW des Libanesischen Roten Kreuzes abgeladen wird. Die Ladefläche des Transporters ist gefüllt mit weißen, schweren, prall gefüllten Pappkartons – die Lebensmittelpakete für Familien. Sie enthalten das Nötigste zum Überleben – Reis, Nudeln, Öl, Lebensmittel in Dosen und andere Dinge.

Lebensmittelverteilung im Bekaa Tal

Diese Lebensmittelhilfe für syrische Flüchtlinge im Bekaa Tal ist ein Projekt des Libanesischen Roten Kreuzes, das durch das Deustche, Österreichische und Niederländische Rote Kreuz unterstützt wird. Seit Juli dieses Jahres bekommen 2500 geflüchtete syrische Familien monatlich die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Das Projekt noch bis März 2014 umgesetzt.

Die Verteilung ist gut organisiert. Mitglieder von 200 Familien warten. Es gibt keine Unruhe, jeder geduldet sich. Die freiwilligen Helfer des Libanesischen Roten Kreuzes beginnen die Hilfspakete zu verteilen. Ich sehe Schmerz und Erleichterung in einigen Augen. Es ist bestimmt nicht leicht für sie hier anzustehen, denke ich mir. Aber für alle ist es eine überlebenswichtige Prozedur und Hilfe. Viele der syrischen Frauen und Männer sind mehrere Kilometer zu Fuß zur Ausgabestelle des Libanesischen Roten Kreuzes gekommen. Jetzt halten sie ihre Lebensmittelpakete in den Händen und müssen irgendwie wieder zurück dahin, wo sie gerade notdürftig leben.

„Ich würde sofort zurückgehen.“

„Wir sind aus dem Süden Syriens geflohen. Das war vor wenigen Wochen. Ich lebe jetzt hier mit meinen Kindern und meiner Familie. Wir haben gar nichts mehr.“ sagt eine Frau aus Syrien mit ihren zwei Töchtern. Sie möchte nicht fotografiert werden, aus Angst vor Repressalien, wenn sie irgendwann einmal zurück nach Syrien kehren kann. „Ich würde sofort in meine Heimat zurückkehren, wenn der Krieg zu Ende ist“ sagt sie.

Die meisten aus Syrien geflohenen Menschen müssen unter einfachsten Bedingungen im Libanon leben. Viele sind in notdürftigen Zelten bei Bekannten, Freunden oder Libanesischen Familien untergekommen, die sich bereiterklärt haben, Flüchtlinge aufzunehmen. Aber es gibt auch viele, die gerade erst geflüchtet und gerade erst im Libanon angekommen sind. Sie stehen vor der schwierigen Aufgabe, mit der Situation des Flüchtlingslebens klarzukommen, oft mit lediglich dem, was sie tragen konnten auf der Flucht. Die 25-jährige Ayan ist vor zwei Wochen im Libanon in der Bekaa Ebene angekommenen.

„Ich bin Lehrerin in Syrien“ sagt sie mir. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen, mit einem Mix aus Englisch und Arabisch. „Wir sind aus dem Süden Libanons hierher geflohen. Ich bin hier mit meinem Mann und meinen drei Kindern. Wir wohnen aber nicht hier in diesem Dorf, sondern weiter unten im Tal. Wir haben gar nichts mehr zu Essen.“ Sie ist heute gekommen, weil sie von der Verteilaktion gehört hat. Sie weiß, dass sie noch einmal wiederkommen muss. Denn sie hat sich erst heute beim Libanesischen Roten Kreuz registrieren lassen und wird in wenigen Tagen bei der nächsten Verteilaktion ihr Lebensmittelpaket bekommen.

Nach etwa zwei Stunden sind alle 200 Lebensmittelpakete an 200 syrische Flüchtlingsfamilien verteilt. Damit werden nun etwa eintausend Menschen zwei Wochen lang leben können. Die Vorbereitungen des Roten Kreuzes für die nächsten Lieferungen und Verteilungen nicht nur in diesem Dorf in der Bekaa Ebene laufen bereits. Und alle wissen, dass es schon bald kälter als an diesem Vormittag sein wird. Der Winter wird kommen und neue Probleme für die Flüchtlinge aus Syrien mit sich bringen, denke ich mir auf der Rückfahrt nach Beirut – zurück von einer der vielen überlebenswichtigen Verteilaktionen der Rotkreuz-/Rothalbmondbewegung im Rahmen der Syrienkrise.

Geschrieben von:

Foto: DRK-Miartbeiter im Portrait. René Schulthoff
Um aus den Projekten zu berichten, war René Schulthoff für das Deutsche Rote Kreuz bereits in Syrien, Griechenland, Jordanien und Nepal, aber auch im Nordirak und Jemen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*