Uganda – Perspektive geben

Am 11.09.2012

von Arno Waizenegger, DRK-Delegierter in Uganda

Als Dedeng Lo’Pukon noch ein kleiner Junge war, starben seine Eltern während einer Hungersnot in den 80er Jahren. In Aussicht auf schnellen Reichtum und ein besseres Leben als es seine Eltern hatten, schloss er sich einer Gruppe von Rinderdieben an. Einer der kürzlichen Raubzüge in Richtung Süden scheiterte und er wurde verhaftet.

Dedeng ist kein Einzelfall. Die Karamojong, ein ugandischer halbnomadischer Volksstamm, sind bekannt für den notorischen bewaffneten Viehdiebstahl, mit dem sie die angrenzenden sesshaften Völker seit Jahrzehnten terrorisieren. Das Leben der Karamojong ist durch regelmäßig wiederkehrende Dürren und Hungerkatastrophen geprägt und Viehdiebstahl wird von vielen jungen Karamojong als einzige Möglichkeit verstanden Wohlstand zu erlangen und Dürreperioden zu überstehen. Da das ugandische Militär Viehdiebe mittlerweile konsequent verfolgt und sich der Viehbestand durch Epidemien stark reduziert hat, konzentrieren sich viele junge Karamojong mittlerweile zunehmend auf die landwirtschaftliche Produktion, die sie oftmals in Gruppen praktizieren. Die „Napumpum Farmers“ ist eine dieser Bauerngruppen.

Als die Mitglieder der „Napumpum Farmers“ aus Dedengs Nachbardorf von dessen Verhaftung erfuhren, nahmen sie einen Kleinkredit von 300 Euro auf, um seine Kaution zu bezahlen. Dedeng entschloss sich daraufhin der Bauerngruppe beizutreten. In der Gruppe eignete er sich landwirtschaftliche Kenntnisse an und hatte die nötigen Mittel um selbst auf dem Land seines Clans Landwirtschaft zu betreiben. „Napumpum Farmers“ ist eine von 30 Bauerngruppen, die vom Deutschen Roten Kreuz in Karamoja unterstützt werden. Neben der Bereitstellung von Produktionsmitteln wie etwa Kleinwerkzeuge, Zugochsenpaare mit Pflug und Saatgut begleitet das Rote Kreuz die Mitglieder der Gruppen durch Ausbildungen und ein regelmäßiges Coaching bei Aktivitäten wie Ackerbau, Gemüseanbau, Seifenproduktion, Bienenzucht und der Herstellung von energiesparenden Öfen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Nahrungsmittelproduktion sowie die Einkommen zu steigern.

Dedeng meint, dass er durch die tatkräftige Untersützung der anderen Gruppenmitglieder und durch die Zugochsen Sorghum, Bohnen, Sesam und Mais in weit größerem Umfang anbauen kann als er es sich je erträumt hätte. Zudem sieht er größere Erfolgschancen, da er sich auf den wöchentlich stattfindenden Treffen mit den anderen Gruppenmitgliedern und den Rotkreuz-Freiwilligen austauschen kann. Dabei geht es u.a. um die Auswahl guten Saatguts, optimale Anbaumonate, Techniken der Herstellung und Verwendung von organischem Dünger, Parasitenschutz sowie verbesserte Möglichkeiten der sicheren Lagerung.

Dedengs Freund Adiaka Apasette ist neuerdings ebenfalls Mitglied seiner Bauerngruppe. Noch vor nicht allzulanger Zeit war er ein anderer Mensch: Er erzählt von seinem Alkoholproblem und gibt zu, dass er regelmässig in Läden eingebrochen sei, um an Schnaps zu kommen. Einmal sei er erwischt worden, und der Besitzer habe ihn fast zu Tode geprügelt. Doch unbelehrbar und perspektivlos wie er war, schlachtete Adiaka kurz nach seiner Genesung die Kuh eines Dorfgenossen; er versteckte Fell und Fleisch in seiner Hütte um es zu verkaufen oder gegen Alkohol einzutauschen. Wieder wurde er erwischt, wieder wurde er geschlagen, wieder musste er ins Krankenhaus.

Dedeng hatte seinen Lebenswandel beobachtet und überzeugte ihn, an den Treffen der Gruppen teilzunehmen. Dort legten die anderen Mitglieder zusammen, um Adiaka neue Kleider zu kaufen. Er schwor dem Alkohol ab und begann sich in der Gruppe zu engagieren. Mit Hilfe der anderen Mitglieder aus seiner Gruppe konnte er ein 2 Hektar großes Feld bestellen. Wenn der Regen weiter anhält, wird er vorraussichtlich sogar einen Teil seiner Ernte verkaufen können und einen Teil des Saatguts für die nächste Anbausaison aufbewahren können.

Dedeng, der sich mittlerweile sehr in seiner Bauerngruppe engagiert und sich selbst zur Wahl des Sekretärs der Gruppe aufstellen ließ, meint: „Das Rote Kreuz zeigt uns, wie wir selbst zur Entwicklung unserer Region beitragen können. Es hat uns gelehrt, dass Frieden die Grundlage zur Entwicklung ist.“

4 Kommentare zu “Uganda – Perspektive geben

  1. Ich habe das Projekt besucht und es ist ein tolles Red Cross Team dort in Karamoja und der Kontext ist wirklich eine Herausforderung aber es lohnt sich.

  2. Es ist erstaunlich, wie engagierte Helfer vor Ort eine Region verändern können. Ich hoffe, dass der Erfolg so weiter geht und die Anzahl der „selbständigen“ weiter anwächst.
    Außerdem werde ich unserer neu geründeten JRK-Gruppe empfehlen das Projekt weiter zu beobachten und sich Gedanken zu machen, wie man sonst noch helfen kann.
    Ich find´s einfach Super.

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