Karl Philipp Gawel in Lukla

Nepal: Herausforderungen und ein Nachbeben bei der Hilfsgüter-Verteilung

Am 09.06.2015 von Karl-Philip Gawel
Foto: Hilfsgüter vor der Verladung in ein Flugzeug.
DRK Hilfsgüter für Nepal vor der Verladung in Deutschland

Bereits in Istanbul habe ich mich am Flughafen mit Keksen und Trinkwasserflaschen eingedeckt, mangels wirklich verlässlicher Informationen, was mich beim Eintreffen in Kathmandu erwarten würde. Obwohl es von Istanbul nach Kathmandu mit einer Linienmaschine ging, war klar, das ist kein regulärer Flug. Die Mehrzahl der Passagiere waren Pressevertreter oder Hilfskräfte, die sich auf dem Weg in ein unbekanntes Szenario befanden. Je mehr sich das Flugzeugsymbol auf der Bildschirmlandkarte dem Ziel Nepal näherte, wurde mir bewusst, das Folgende ist ungewiss.

Karl Philipp Gawel in Lukla
Karl-Philip Gawel in Lukla, Everest-Region. Hier kam ein Teil der Hilfsgüter per Flugzeug an.

Ein Stück weit war dies auch beim Landeanflug zu spüren. Obwohl sich alle Passagiere eigentlich angeschnallt auf ihren Plätzen befinden sollten, standen viele noch ungeduldig vor den besetzten Toiletten, um wohlmöglich fürs Erste noch einmal ein reguläres stilles Örtchen aufsuchen zu können.

Menschenmassen und Stimmgewirr: Kathmandu

Am und vor allem um den Flughafen herum campierten auf allen Freiflächen Dutzende Menschen  – Touristen, viele junge Leute, die in den Bergen gewesen waren. So manchen konnte man ansehen, dass sie eine Menge erlebt haben müssen, bis sie es nach Kathmandu zum Flughafen schafften. Überall an Bäumen und Wänden hingen Bilder von vermissten Trekking-Touristen. Das laute Stimmengewirr, die Massen an Menschen, die zum Teil auf dem Boden schliefen, das gesamte Chaos war für mich sehr irritierend nach dem relativ ruhigen, angenehmen Flugzeug.

Anders als erwartet schien mir bei der Fahrt durch die Stadt, dass die Zerstörungen in Kathmandu selbst relativ übersichtlich waren, anders als ich es von anderen Erdbebengebieten kannte. Wenn auch nicht gänzlich zerstört, waren sehr viele Gebäude aber derart in Mitleidenschaft gezogen, dass die Menschen sich nicht trauten, in sie zurückzukehren. So waren nahezu alle Freiflächen in Parks etc. von Menschen, Familien belagert, die ihre Nächte aus Angst vor einem Nachbeben im Freien verbrachten.

foto: zerstörte Häuser in Kathmandu
Zerstörte Häuser in Kathmandu

Vertrauen und improvisieren: Die Verteilung der Hilfsgüter

Am dritten Tag nach dem Erdbeben hatten noch viele Mitarbeiter und freiwillige Helfer des grundsätzlich gut organisierten Nepalesischen Roten Kreuzes mit ihren eigenen Verlusten und Sorgen um ihre Familien zu tun. Deshalb befand sich ihre Hilfsoperation noch in den Anfängen. Ich konnte natürlich nicht erwarten, dass unsere Hilfsgüter von einer Vielzahl bereitstehender Freiwilliger in Empfang genommen und sofort weiterverladen werden. Das Organisieren von Ladehelfern, Transportfahrzeugen und Zwischenlagermöglichkeiten war eine Herausforderung für sich.

DRK-Freiwillige koordinieren die Hilfsgüter-Verteilung
DRK-Freiwillige koordinieren die Hilfsgüter-Verteilung.

Zwei lange Tage, die von wenig Schlaf, viel Stress und Improvisation geprägt waren. Ziel war es die Hilfsgüter so schnell und effektiv wie möglich zu den Betroffenen zu bekommen. Gestemmt haben wir es nur, weil Nanda, ein Kollege des Nepalesischen Roten Kreuzes mir zur Seite stand und unermüdlich mein, unser Vorhaben unterstützte. Durch seine Idee habe ich mich zum Glück dafür entschieden, unmittelbar nach dem Eintreffen unserer Hilfsgüter 200 von den 250 eingeflogenen Familienzelten direkt in ein betroffenes Gebiet weiterzuleiten. So haben wir es geschafft, dass ein Teil der Hilfsgüter schon mal nicht zwischengelagert und mit LKW transportiert werden musste. Diese Entscheidung basierte auf Vertrauen.

DRK-Familienzelte im Bergdorf Lukla

Wie sich vier Tage später zeigte, war dieses Vertrauen für die betroffenen Menschen vor Ort genau richtig gewesen. Gemeinsam mit Nanda war ich nach Lukla, ein Bergdorf nordöstlich von Kathmandu geflogen, dorthin waren die DRK-Familienzelte nämlich gegangen. Diese Region um den Mt. Everest war, wie ich dann erst erfuhr, zwar nicht die am meisten betroffene, dennoch gab es hier ca. 2.400 betroffene Familien.

Vor Ort haben wir uns gemeinsam mit einem Vertreter der Sherpa-Gemeinschaft, dem lokalen Vertreter des Nepalesischen Roten Kreuzes auf den Weg in das Dorf Chaurikarka gemacht. Dort und in acht weiteren Gemeinden wurden „unsere“ Zelte verteilt. Von Lukla aus, das praktisch nur aus der Luft zu erreichen ist, sind wir auf steinigen Pfaden tiefer in die Berge gegangen. Ein Vorankommen mit einem motorisierten Fahrzeug ist dort unmöglich.

Zwei Stunden Fußmarsch mit schweren Zelten im Gepäck

Abgelegen war mir ein Begriff. Aber als ich feststellen musste, dass wir das Dorf erst in eineinhalb bis zwei Stunden Fußmarsch erreichen werden, wurde mir die Dimension erst bewusst. Die nahezu 50 kg schweren Zelte hier durch die Berge tragen zu müssen, erschien mir unmöglich. Doch Menschen haben es geschafft. Nicht nur im Ort selbst, auch in den umliegenden Hängen sah man beim genauen Hinsehen die weißen DRK-Zelte neben Schutthaufen, die vorher Wohnhäuser waren. Die Sherpa-Gemeinschaft hatte gemeinsam mit Vertretern des Nepalesischen Roten Kreuzes die Zelte je nach Bedürftigkeit in den Dörfern verteilt und z.T. auch von jungen Männern aufbauen lassen.

Gebetsmühlen und Gebetsfahnen
Buddhistische Gebetsmühlen und Gebetsfahnen in einem nepalesischen Dorf.

Am Dorfeingang hörte ich aus einem Zelt neben einem schiefstehenden Haus, dessen Giebelwand eingestürzt war, ein schönes Geräusch. Offenbar tobten Kinder in dem Zelt und am Eingang bereitete die Mutter das Essen vor. Unsere verteilten Zelte konnten dazu beitragen, dass reguläres Leben – wenn auch nur temporär – unter einem sicheren Dach stattfinden kann. Das hat mich persönlich bestärkt und ich konnte am eigenen Leibe spüren, warum wir da sind.

Minutenlanges Bangen: ein starkes Nachbeben

Am 12. Mai 2015 war ich mich neben zahlreichen anderen Helfern am frühen Nachmittag auf dem Gelände des Nepalesischen Roten Kreuzes in Kathmandu und sprach gerade mit einem Rotkreuzkollegen aus der Schweiz. Plötzlich bebte die Erde. Erst leicht, ein Raunen ging um. Klar, es war sicherlich wieder eines der vielen Nachbeben. Doch diesmal schien es nicht aufzuhören. Es wurde immer stärker, die ersten Scheiben barsten. Leute ließen sich zu Boden sinken. Ein neben mir stehender nepalesischer Kollege griff meinen rechten Unterarm und krampfte sich an diesem fest. Ich beobachtete die zum Teil fünfstöckigen Gebäude um uns herum. Sie bewegten sich wie Bäume beim leichten Wind.

Mir schossen nur ständig zwei Gedanken durch den Kopf. Wo bin ich am sichersten, wenn jetzt gleich eines der umliegenden Häuser kollabiert – und wann hört es endlich auf? Es schien Minuten lang zu dauern. All die vielen Rotkreuzler aus dem Ausland, die als professionelle Helfer zur Unterstützung nach Nepal kamen, waren in diesem Moment selbst hilflos. Irgendwie schien jeder zu warten und zu hoffen, dass das bald glimpflich vorbeigeht. Mich persönlich beunruhigte die panische Stimmung am meisten. Viele Menschen schrien, die Autos und Mopeds rasten auf der Straße zwischen den Umherlaufenden nur so herum. Dieses sehr beängstigende Erlebnis hat mir erneut gezeigt, warum wir da sind. Mir wurde klar, was die Menschen bereits durchlebt haben und wie groß ihre Furcht vor dieser Naturgewalt sein muss.

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Foto: Gero/Breloer/ DRK, René Schulthoff/ DRK, Carl Whetham / IFRC, DRK

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Foto: Portrait eines DRK-Delegierten Karl-Philip Gawel

Der DRK-Delegierte Karl-Philip Gawel flog zwei Tage nach dem ersten Erdbeben im April nach Nepal, um vor Ort zusammen mit dem Nepalesischen Roten Kreuz die Verteilung der deutschen Hilfsgüter zu koordinieren.

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