Was wurde eigentlich aus…

Am 11.07.2016 von Dr. Michael Kühnel-Rouchouze

Foto: Ein geflüchteter Vater trägt seine schlafende Tochter.

Erinnern Sie sich noch? Vor etwa einem Jahr um diese Zeit war sie da: Die sogenannte Flüchtlingswelle. Ein Strom von Tausenden Menschen, die vor Zerstörung und Krieg flohen. Es folgte eine Welle der Hilfebereitschaft. Viele kleine und große Organisationen, tausende freiwillige HelferInnen, die an den Bahnhöfen, den Grenzen, in den Flüchtlingsunterkünften gearbeitet haben und auch noch arbeiten.

Und plötzlich wurde es still. Zehntausende strandeten in Griechenland und konnten nicht weiter. Ich durfte zwei Wochen dort helfen und habe Dinge gesehen, die man in Europa nicht für möglich gehalten hatte.

Fünf Monate später: Rückkehr nach Griechenland

Abermals versucht das internationale Team aus Deutschen, FinnInnen, JapanerInnen und Österreichern, inkl. mir, den Menschen hier zu helfen. Idomeni ist Geschichte, aber die Menschen, die dort ausgeharrt und gehofft haben, wurden jetzt auf mehrere Flüchtlingslager aufgeteilt. Drei davon betreut das internationale Rotkreuz-Team: Nea Kavala, Cherso und Kordilio sind Camps mit je etwa 1.500 bis 2.500 BewohnerInnen. Die Voraussetzungen haben sich geändert. Es ist organisierter, es gibt weniger Menschen in den Lagern, bessere Hilfe ist möglich.

Blick auf einen Untersuchungsplatz. Foto. M. Kühnel/ÖRK
Blick in ein Zelt.

Je nach Verfügbarkeit von Personal gibt es pro Camp bzw. pro Team mindestens einen Arzt, ein/e Krankenschwester/ Pfleger, ein/e Kinderkrankenschwester bzw. Pfleger und eine Hebamme. Außerdem haben wir eine Psychologin, die eine Art Selbsthilfegruppe hier betreut − jeweils eine pro Lager.

Was hat sich geändert?

Da das Wetter deutlich besser ist als letztes Mal, ändern sich auch die typischen Krankheiten, die wir betreuen. Zur Erinnerung: im März hat es 14 Tage fast ohne Unterlass geregnet. Viele Infekte der Atemwege waren die Folge. Momentan ist einerseits der Ramadan vorbei, während dessen es gelegentlich einen Kollaps gegeben hat. Andererseits haben wir weit über 35 Grad Außentemperatur und Spitzenwerte von über 40 Grad im Zelt. Daher ist vor allem die Gefahr der Dehydrierung, also Austrocknung, groß.

Heute hatte ich noch Ben, einen deutschen Kinderarzt an meiner Seite. Dieser verlässt uns morgen aber. Nun wird Daniela, eine sehr kompetente und nette Kinderkrankenschwester, Ben ersetzen. Gestern kam auch ein japanischer Arzt an. Gemeinsam werden wir das Kind schon schaukeln. Ich werde jetzt mal zumindest acht Tage durcharbeiten (wie auch die anderen ÄrztInnen), da wir drei ÄrztInnen für drei Camps haben und mein Einsatz nur 14 Tage dauert, ist das für mich auch OK so.

In der Summe ist die Stimmung im Team sehr gut. Virpi ist unsere Temleiterin. Ich kenne sie aus Haiti, sie war die Leiterin des Health Centers des Roten Kreuzes in Port au Prince. Auch hier ist es schön, sie wieder zu sehen. Überhaupt sieht man hier wieder, wie klein die Welt bzw. die Rotkreuz-Familie ist. Der eine war mit meiner Frau in Liberia, der andere mit mir in Haiti. Wir als HelferInnen sind schon ein eigener Schlag von Menschen und halten zusammen.

Blick in die Apotheke. Foto: M. Kühnel/ÖRK
Blick in die Apotheke

Es kann passieren, dass es im Camp zu einem Raufhandel kommt. Dies kommt nicht so oft vor, trotzdem muss man auf der Hut sein. Dies hört sich jetzt schlimmer an, als es ist, aber es reicht schon, wenn sich vier Menschen streiten und evtl. in die Haare bekommen. Was man nicht vergessen darf: Auch hier sitzen die Menschen zum Teil bereits über Monate fest. Es geht weder vorwärts noch zurück. Es gibt keine Arbeit, keine Beschäftigung. Menschen sind frustriert, werden auch hier zum Teil nicht gemocht. Da kann sich so etwas mal entladen.

Ein anderer Punkt ist, dass wir alle Menschen gleich behandeln − dies ist ja Teil unserer Grundsätze. Nichtsdestotrotz müssen wir unseren PatientInnen auch klar machen, dass eine MRT-Untersuchung auch für GriechInnen bis zu fünf Monate dauert. Da ist man aus Österreich anderes gewohnt. Also muss man den Leuten zu verstehen geben, dass es leider genauso und nicht anders funktioniert und die Wartezeiten normal sind. Es ist schwer für alle helfenden Seiten, da wir keine Besserstellung von Flüchtlingen wollen, aber eine Gleichberechtigung in medizinischen Belangen. Aber alleine das kann zu Spannungen führen.

Was zu sehen ist: viele kleine Organisationen in den Camps helfen! Gemeinsam werden wir unsere PatientInnen zwar weder hier heraus bringen, noch Ihnen Perspektiven geben können. Aber wir werden sie betreuen, ihnen Hoffnung geben und sie gesund machen, so gut es geht. Allein das ist meine Aufgabe − einfach: aus Liebe zum Menschen.

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» Erfahren Sie mehr über die Flüchtlingshilfe des DRK in Griechenland

Fotos: Gero Breloer/DRK; M. Kühnel/ÖRK

Geschrieben von:

Foto: Portrait eines Rotkreuzmitarbeiters. Dr. Michael Kühnel-Rouchouze

Dr. Michael Kühnel-Rouchouze ist Arzt für Allgemeinmedizin mit Diplom in Tropenmedizin und Delegierter des Roten Kreuzes. Foto: M.Kühnel/ÖRK

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