Foto: Kinder machen mit Taschenlampe im Dunkeln Hausaufgaben

Gaza – ein Leben im Ausnahmezustand

Am 13.11.2017 von Arno Waizenegger
Foto: Kinder machen mit Taschenlampe im Dunkeln Hausaufgaben
Die Bewohner des Gazastreifens leben seit Mai dieses Jahres mit 3 Stunden Strom pro Tag. In dem Bild machen Kinder ihre Hausaufgaben mit der Hilfe von Taschenlampenlicht (Al-Shati’ Camp- Gaza City).

Während meiner ersten Besuche im Januar 2017 war ich überrascht, wie sich meine Kollegen des Palästinensischen Roten Halbmondes (PRH) im Gazastreifen scheinbar mit der schwierigen Lebenssituation arrangiert haben – allerdings: was bleibt ihnen auch anderes übrig? Ausreisen sind durch die Schließung des Gazastreifens (Land, Meer, Luftraum) kaum möglich. Kaum jemand beklagte mir gegenüber die miserablen Zustände. In der Folge der seit Mai anhaltenden Engpässe in der Versorgung mit Benzin, Strom, Wasser und Medikamenten hat sich dies jedoch nun drastisch geändert. Meine Kollegen schildern mir, dem Outsider, ihre extrem erschwerten Lebensbedingungen. Am eindrücklichsten war für mich, dass selbst Mohammed, der lebensfrohe, charismatische und engagierte Leiter der Abteilung für Freiwilligenarbeit des PRH, sehr müde und fast schon gebrochen wirkte.

„Seit Monaten ist die Wasserbeschaffung einer meiner Hauptbeschäftigungen“

Mohammed, der wie die meisten Bewohner von Gaza Stadt mit seiner Familie in einem Hochhaus-Apartment wohnt und einen westlichen Lebensstil gewohnt ist, berichtet:

„Hier im Büro ist noch alles ziemlich normal. Dank des Generators und der Ventilatoren ist die schwüle Hitze zu ertragen, ich kann mein Handy aufladen und habe ein paar Stunden Pause von den derzeitigen Problemen bei meiner Familie. Wenn ich nach Hause komme, beklagt sich meine Frau darüber, dass es kein Wasser gibt und sie nicht waschen kann. Meine Kinder quengeln, weil sie wegen der Hitze nicht schlafen können. Ohne funktionierenden Kühlschrank können wir kaum Lebensmittel aufbewahren, was wiederum bedeutet, dass wir täglich einkaufen gehen müssen. Auf verderbliche Lebensmittel wie Joghurt und Fleisch verzichten wir. Alle Haushalte müssen Wasser kaufen, welches von Tanklastern in die Tanks auf den Dächern der Hochhäuser gepumpt wird. So entsteht eine hohe Rivalität um das teure Gut. Seit Monaten ist die Wasserbeschaffung eine meiner Hauptbeschäftigungen, wenn ich nach Hause komme – selbst nach dem bewaffneten Konflikt vor 3 Jahren war die Versorgung besser.“

Foto: Rothalbmondmitarbeiter vor Hochhäusern in Gaza
Mohammed, Leiter der Abteilung für Freiwilligenarbeit Palästinensischen Roten Halbmondes

Auf meine Frage, was er am Wochenende vorhat, antwortet Mohammed:

„Wir haben hier eigentlich kaum Möglichkeiten, unsere Freizeit zu gestalten. Das einzige, was man hier am Wochenende mit den Kindern machen kann, sind Ausflüge zum Strand. Diese Ausflüge genießen wir – vor allem in den heißen Sommermonaten. Leider ist das mittlerweile auch nicht mehr möglich, da wir unsere Kinder nicht davon abhalten können ins Wasser zu gehen.“

Seitdem die Kläranlagen auf Grund des Strommangels nicht mehr funktionieren und das Abwasser ungeklärt ins Meer gepumpt wird, ist das Baden aus hygienischen Gründen sehr gefährlich. Dennoch sieht man hinter den Schildern mit den entsprechenden Warnhinweisen, die den Strand säumen, eine Vielzahl von Menschen im Wasser. Sie ignorieren das Risiko, um der drückenden Hitze zu entfliehen.

Der Gazastreifen ist mit 5.000 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt. Auf Grund der Kontamination des Grundwassers und des Meeres sowie mangelnder Möglichkeiten der Kühlung von Nahrungsmitteln könnten sich ansteckende Durchfallerkankungen hier rasant ausbreiten.

Foto: Jungen im Meer halten ein algenbedecktes Tuch
Aufgrund der anhaltenden Stromausfälle funktionieren die Kläranlagen nicht mehr, mit Fäkalien verunreinigtes Abwasser wird ungeklärt ins Meer gepumpt. Die drohende Gesundheitsgefahr beraubt die Menschen ihres Haupterholungsortes – des Strandes. Im Bild sieht man zwei Jungen beim Fischen im stark verschmutzten Meer (Al-Sheikh Ejleen, Central Gaza).

Kurz vor der Gesundheitskrise

Von den rund 2 Millionen Einwohnern des Gazastreifens ist knapp die Hälfte arbeitslos. Rund 1.3 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen – ein Großteil davon auch auf Nahrungsmittelhilfen. Wasser aus Wasser Tanklastern ist sehr teuer, doch sichere Alternativen gibt es nicht, da mittlerweile 96% des Grundwassers kontaminiert sind und es im Sommer so gut wie nie regnet.

Als Folge der sich verschärfenden Elektrizitäts-, Benzin- und Umweltkrise droht nun auch eine Gesundheitskrise. Der Zugang zu medizinischer, insbesondere intensivmedizinischer Versorgung, ist bereits jetzt extrem eingeschränkt: in zahlreichen Fällen können dringende Operationen nicht durchgeführt werden; Teure medizinische Geräte, die auf eine konstante Stromversorgung angewiesen sind, gehen Patienten, die auf die regelmäßige Einnahme von Medikamenten angewiesen sind, die gekühlt werden müssen, sehen sich gezwungen ihre Behandlung auszusetzen.

Laut der WHO wird bald die Medizin knapp. Die Zahl der Krankenhäuser und Basisgesundheitsstationen, die auf Grund des Strommangels teilweise oder komplett schließen müssen, wird weiter zunehmen.

Foto: Eine Frau während einer Dialysesitzung
Eine durch die Dialysesitzung erschöpfte Frau im Al-Shifa Hospital, Gaza City. Aufgrund der Stromausfälle sind Krankenhäuser weitgehend auf Generatorstrom angewiesen. Benzin für die Generatoren ist knapp und teuer. Unter anderem sind auch Dialysepatienten von der Reduktion der Laufzeiten betroffen.

Abgeschnitten von der Außenwelt

Während unseres Gesprächs erhält Mohammed über sein Handy die Nachricht, dass sein Telekomanbieter wegen Benzinmangel für seine Notstromaggregate plant, seine Telefon- und Internetdienste einzustellen.

„Das Internet ist für uns das Tor zur Welt. Da kaum jemand ein- und ausreisen darf, ist es für uns schwierig, uns in einem Fachbereich weiterzubilden. Die einzige Möglichkeit uns weiterzubilden und etwas über das Leben außerhalb des Gazastreifens zu lernen, ist über das Internet – sprich unabhängig von den physischen Barrieren. Außerdem sind wir auf Facebook und Twitter angewiesen, um zu erfahren was hier passiert. Wenn uns das nun auch noch weggenommen wird, haben wir kaum noch etwas zu verlieren.“

Die Ungewissheit über das Schicksal des Gazastreifens und die eigene Zukunft, welche auf Grund der Erfahrungen, mehr durch Hoffnungslosigkeit als durch Optimismus geprägt ist, stellt eine psychische Dauerbelastung für die Bevölkerung dar.

Im April reduzierte die Palästinensische Autonomiebehörde Zahlungen an Israel für die Stromversorgung des Gazastreifens um 40% – woraufhin Israel die Stromzufuhr um denselben Prozentsatz drosselte. Kurz darauf wurde das einzige Elektrizitäts-Kraftwerk im Gazastreifen auf Grund von Benzinmangel abgeschaltet. Seitdem muss die Bevölkerung mit lediglich drei Stunden Strom pro Tag auskommen.

Foto: DRK-Mitarbeiter in Gaza vor einem Auto mit Aufschrift eines DRK-Kreisverbandes
Hilfe aus DRK-Kreisverbänden: DRK-Mitarbeiter Arno Waizenegger vor einem gespendeten Wagen.

Die Schlagzeile der Versöhnung der Palästinenserorganisationen Fatah und Hamas vom 12.10.2017 spendete Hoffnung für die Bewohner des Gazastreifens auf eine Verbesserung der Lebensumstände.

Das Deutsche Rote Kreuz unterstützt den PRH im Gazastreifen beim Ausbau eines Netzwerks qualifizierter Gemeinde-Freiwilliger, welche in der Vorbereitung und Reaktion auf Krisensituationen in ihren Gemeinden zum Einsatz kommen. Im Notfall werden sie gerufen, um Erste Hilfe zu leisten oder psychologische Erste Hilfe anzubieten. Viele von ihnen leisten zudem im Schichtdienst Freiwilligenarbeit als Krankenwagenfahrer und Rettungssanitäter. Darüber hinaus führen sie Hausbesuche durch und beraten und unterstützen Frauen mit Risikoschwangerschaften, Personen mit chronischen Krankheiten und Familien mit bettlägerigen Angehörigen.

» Erfahren Sie mehr über die DRK-Hilfe im Gazastreifen.

Fotos: Samar Abul Auf/ICRC, DRK, Mohammed Al-Hajjar/ICRC, Abdelhakim Abu Ryash/ICRC

Geschrieben von:

Arno Waizenegger
Arno Waizenegger leitet das DRK-Büro in Ramallah und betreut die DRK-Projekte in den besetzten Palästinensischen Gebieten. Das DRK unterstützt Projekte des Palästinensischen Roten Halbmondes im Bereich der gemeindebasierten Vorbereitung auf den Krisen- und Katastrophenfall in Ostjerusalem, im Westjordanland und im Gaza-Streifen.

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