Schließlich sind wir Menschen – mein Einsatz auf Lesbos

Am 16.12.2020 von Christoph Dennenmoser

Einsatz auf Lesbos - Wasserversorgung für das Flüchtlingslager Kara TepeChristoph Dennenmoser ist im normalen Leben Notfallsanitäter beim DRK in Bad Säckingen. Hier berichtet er über seinen besonderen Einsatz als DRK-Delegierter auf Lesbos im Flüchtlingslager Kara Tepe. Die Herausforderung: Wasser und sanitäre Anlagen für bis zu 7.500 Menschen bereitstellen. Und das Ganze während der Corona-Pandemie.

Rechts Christoph Dennenmoser mit dem Augsburger Kollegen Wolfgang Pentz.

Das Feuer im Flüchtlingslager Moria im September 2020 konnte man ja quasi „live“ in den Medien und im Internet miterleben. Menschen, die sowieso nicht viel hatten, verloren das letzte Bisschen auch noch in den Flammen. Und natürlich verfolgte ich daraufhin die Nachrichten vom Bau des neuen Lagers Kara Tepe II in den Medien. Da der DRK-Kreisverband Säckingen e.V., bei dem ich im Rettungsdienst arbeite, mich personell wieder zeitweilig entbehren konnte, war meine Antwort auf die Verfügbarkeitsabfrage aus dem DRK-Generalsekretariat in Berlin „ja“.

Einsatz auf Lesbos im WASH-Team

Für die zweite Rotation wurde ich dann als Leiter des WASH-Teams eingesetzt. WASH steht für Water, Sanitation and Hygiene Promotion, also Wasser, Sanitärversorgung und Hygieneschulungen. Dies war mein erster Einsatz als Teamleiter.

Warenlager des Roten Kreuzes in Griechenland - Einsatz auf Lesbos
DRK-Mitarbeiter Christoph Dennenmoser im Lager für das Hilfs- und Sanitärmaterial des Roten Kreuzes.

Mit einem Team von insgesamt zehn Personen war es unsere Aufgabe, für die Menschen im Lager die Versorgung mit Wasser sicherzustellen und durch den Bau sanitärer Anlagen die hygienischen Verhältnisse zu verbessern. Innerhalb von drei Tagen nach dem Feuer in Moria war das Flüchtlingslager auf einem ehemaligen Militärgelände aufgebaut worden, zunächst als Provisorium für bis zu 7.500 Menschen. Auch in Form einer Zeltstadt ist das eine unglaubliche Leistung, die die Armee und die Freiwilligen da erbracht haben. Das DRK hatte dafür seinerzeit 500 Zelte nach Griechenland geflogen.

Zuverlässige Lösungen statt Provisorien

Das DRK-Team der ersten Rotation konnte schon viel Grundlegendes schaffen: Wassertanks auf Fundamenten errichten, Wasserentnahmestellen einrichten und eine Basis für die Hygieneunterweisungen im Flüchtlingslager schaffen. An uns lag es nun, die Arbeit fortzusetzen und Provisorien in zuverlässige und sichere Lösungen umzuwandeln. Im Rahmen der Übergabe zeigte mir mein Vorgänger das Lager und brachte mich auf den aktuellen Informationsstand.

Einsatz auf Lesbos - Ein Kran lädt ein Fundament ab
Massive Bodenplatten für die Wasserentnahmestellen müssen per Kran abgeladen werden.

Die Wassertechniker kümmerten sich darum, für die Waschplätze, die bis dahin auf Kies errichtet waren, Betonfundamente zu organisieren, das Abwasser zu kanalisieren und die Waschstellen zu überdachen. Ein weiteres Team bereitete die Standorte für Duschen vor. Für all das waren auch viele Abstimmungen nötig: Überwiegend mit der Leitung des Lagers und anderen Hilfsorganisationen vor Ort, aber auch mit den griechischen Behörden. Sehr wichtig waren auch die Vorbereitungen zur Versorgung mit warmem Wasser, das nun endlich da ist (Stand: Mitte Dezember 2020).

Wasserentnahmestelle im Flüchtlingslager Kara Tepe
Eine fertige Wasserentnahmestelle im Flüchtlingslager Kara Tepe, im Hintergrund sieht man die gelben Wassertanks.

Neben den Teams, die überwiegend im Flüchtlingslager arbeiteten, hatte ich im Büro, das wir vom Griechischen Roten Kreuz zur Verfügung gestellt bekommen hatten, noch eine Logistikerin und einen Finanzadministrator zur Seite. Sämtliche Beschaffungen müssen auch in solch einer Lage regelhaft ablaufen und verbucht werden. Das sind wir unseren Spendern schuldig.

Der hilfebedürftige Mensch im Mittelpunkt

Kind im Flüchtlingslager auf Lesbos
Kinder stellen einen großen Teil der Flüchtlinge im Zeltlager Kara Tepe auf Lesbos.

Allerdings ist unsere Hilfe nicht auf die Errichtung und den Betrieb von Anlagen beschränkt. Weil für uns immer der hilfebedürftige Mensch im Mittelpunkt steht, ist ein weiteres wesentliches Element solcher Einsätze das Team „Hygiene Promotion“ (HP). Denn durch bessere Hygiene lassen sich viele Krankheiten vermeiden. Die HP-Delegierten versuchen zunächst, sich ein Bild der hygienischen Verhältnisse zu machen. In gezielten Gruppengesprächen mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Lagers wurde erfasst, ob und wie die Toiletten in Anspruch genommen werden. Wenn nicht, wurden die Gründe dafür ermittelt.

Hygieneschulung im Flüchtlingslager auf Lesbos
Die Hygieneschulung im Flüchtlingslager auf Lesbos muss natürlich in mehreren Sprachen stattfinden.

Es wurde nach dem Kenntnisstand in Sachen Körper- und besonders Händehygiene gefragt, bei den Frauen auch in Sachen menstrueller Hygiene. Aus den Ergebnissen dieser Gruppen- und Einzelgespräche wurde ein Schulungsprogramm erstellt. Dann wurden Teams von Multiplikatoren ausgebildet, die die Menschen meist in ihrer eigenen Sprache schulen konnten. Falls die Sprache ein Problem darstellte, fanden sich immer Menschen, die übersetzen konnten. Ein Bewohner des Flüchtlingslagers mit künstlerischen Fähigkeiten unterstützte das Team mit entsprechenden gemalten Bildern.

Zeichnungen vermitteln Informationen zu Hygiene
Die kreativen Zeichnungen eines Lagerbewohners vermitteln Informationen zu besserer Hygiene.

Trotz widriger Umstände eine tolle Gemeinschaft

Die Corona-Pandemie machte natürlich auch vor unserer Mission nicht Halt. Wir brauchten einen Test zur Einreise nach Griechenland. Einen Mund-Nasenschutz zu tragen war sowieso vorgegeben. Das Hygienekonzept des DRK umfasste beim Einsatz auf Lesbos u.a. auch das tägliche Messen unserer Körpertemperatur. In der ersten Woche meiner Anwesenheit konnten wir wenigstens gemeinsam abends etwas essen gehen. Dann verhängte auch die griechische Regierung Ausgangsbeschränkungen.

Für unsere Tätigkeiten hatten wir eine Bescheinigung, die uns die nötige Bewegungsfreiheit sicherte. Die meisten Geschäfte, die wir brauchten, waren geöffnet – also Baustoffhändler und Baumärkte, aber auch Lebensmittelmärkte. Teambesprechungen fanden als Videokonferenzen statt. Persönliche Kontakte wurden möglichst vermieden. Wenn doch, dann auf Abstand und mit Maske.

Ich bin sehr stolz auf mein Team. Für uns alle stand immer der Einsatzauftrag im Vordergrund, und es wurde sehr gute und engagierte Arbeit geleistet, und wir hatten trotz der widrigen Umstände eine tolle Gemeinschaft.

Rotkreuzmitarbeiter vor den Wassertanks in Kara Tepe
Hygiene und der Schutz vor Covid-19 stand neben der Verbesserung der Sanitärversorgung im Fokus der Arbeit der Hilfsorganisationen in Kara Tepe. Bei Regenwetter kommt der Wetterschutz dazu. Foto: Vincenzo Buccheri

Auch am Ende meiner Zeit dort hatte ich einen Tag Zeit, die Lage und das Team an meine Nachfolgerin zu übergeben. Und immer hinterlässt man nach so einem Einsatz auch ein Stück Herz dort. Aber das ist gut so. Schließlich sind wir Menschen.

Fotos: Christoph Dennenmoser/DRK

» Lesen Sie mehr über die Arbeit des DRK in Griechenland

» Ein weihnachtlicher Blog-Beitrag über einen Einsatz in einem griechischen Flüchtlingslager:  https://blog.drk.de/griechenland-fluechtlingshilfe-weihnachten-in-kilkis/

» Dieses und andere DRK-Projekte sind auch möglich dank Ihrer Spenden.
https://www.drk.de/spenden/geschenke-die-die-welt-veraendern/

Geschrieben von:

Christoph Dennenmoser
Christoph Dennenmoser ist beim DRK Bad Säckingen als Notfallsanitäter und DRK-Beauftragter tätig. Für das DRK war er schon in vielen unterschiedlichen Auslandseinsätzen und half z.B. 2013 nach dem Taifun Haiyan auf den Philippinen oder 2014 beim Ebola-Einsatz in Liberia. Außerdem beschäftigt sich Christoph mit den Möglichkeiten von Social Media und digitalen Freiwilligen im Katastropheneinsatz. Seinen Blog finden Sie hier:  https://digitaleeinsatzunterstuetzung.blogspot.com/

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