Rothalbmond-Freiwillige bei Überschwemmung im Sudan

Sudan: Wie entwickelt man einen Schwellenwert für Hochwasser?

Am 01.03.2023 von DRK-Team

Rothalbmond-Freiwillige bei Überschwemmung im Sudan

Weil die Menschen im Sudan immer wieder unter den Folgen von Überschwemmungen leiden, unterstützt das DRK den Sudanesischen Roten Halbmond dabei, im Land die vorausschauende humanitäre Hilfe (Forecast-based Financing – FbF) einzuführen. Ziel ist es, Überschwemmungen besser vorauszusagen und den Menschen zu helfen, sich und ihre Besitztümer zu schützen. In diesem Zusammenhang fallen immer wieder Bezeichnungen wie Trigger/Auslöser oder Schwellenwert. Doch was ist das und wie wird dieser Wert ermittelt? Klimaexperte David MacLeod kennt die Antworten.

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Gute vorausschauende humanitäre Hilfe braucht sorgfältige Vorarbeit

Entwickelt einen Schwellenwert für Hochwasser im Sudan: Dave McLoed
Seit 2019 arbeitet der 35-jährige David MacLeod mit dem Rotkreuz-/Rothalbmond-Klimazentrum zusammen. Aktuell ist er der zentrale Ansprechpartner des Zentrums für das FbF-Projekt im Sudan.

Ein Trigger – oder auch Schwellenwert – (im Kontext von FbF) hilft uns, ein bevorstehendes Wetterereignis wie eine Kältewelle, Hitzewelle oder – im Sudan – Flussüberschwemmung vorherzusagen, bevor es die Bevölkerung trifft. Der Trigger ist der Punkt, an dem die Wahrscheinlichkeit, dass das Wetterereignis innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zu schwerwiegenden Folgen für die Bevölkerung führt, so hoch ist, dass die Menschen sich aktiv schützen müssen. Kurz: Wird dieser Wert in einer Region erreicht bzw. überschritten, rollt die Rotkreuz- und Rothalbmond-Hilfe für die voraussichtlich gefährdeten Menschen an. Diese frühzeitige Unterstützung, auch „early action“, umfasst Maßnahmen, die für dieses spezielle Risiko als sinnvoll erachtet wurden und im sogenannten „Frühwarnprotokoll“ (EAP) festgehalten sind. Zu den Maßnahmen gehören häufig Frühwarnungen und andere humanitäre Hilfe.

Für gute vorausschauende humanitäre Hilfe ist es also sehr wichtig, dass ein Schwellenwert sorgsam ermittelt wird. Deshalb sind daran erfahrene Experten wie David MacLeod beteiligt. Seit drei Jahren wirkt der promovierte Experte für Klimavorhersagen auch über das Rotkreuz- und Rothalbmond-Klimazentrum mit. Aktuell arbeitet er daran, den Schwellenwert für Hochwasser bzw. Flussüberschwemmungen im Sudan zu ermitteln. Er weiß, dass die Entwicklung von Triggern sehr komplex ist.

„Die Entwicklung von Schwellenwerten erfordert die Zusammenarbeit mit Betroffenen und Beteiligten, um die Naturgefahr und ihre potenziellen Auswirkungen zunächst zu verstehen“, sagt David. „Gleichzeitig erstellen wir eine Übersicht über die möglichen Vorhersagequellen, die als Auslöser verwendet werden können.“

Sudanesische Rothalbmond-Freiwillige im Hochwasser
Schätzungsweise 364.200 Menschen in 17 Bundesstaaten und der Region Abyei im Sudan waren 2019 von schweren Regenfällen und Sturzfluten betroffen. Der Sudanesische Rote Halbmond hat bei der Evakuierung von Gemeinden in Hochrisikogebieten geholfen, Erste Hilfe geleistet und Gesundheitskampagnen in Schulen und Gemeinden durchgeführt, darunter Sennar, Blue Nile, Aj Jazirah, Nord-Kordofan und Northern States.

David und seine Kollegen prüfen dann die gesammelten Quellen, um zu sehen, ob die einzelnen Informationsquellen bzw. Trigger anwendbar sind. Sie wollen herausfinden, ob sie beispielsweise für die jeweilige Gefahr relevant sind oder eine ausreichende Vorlaufzeit für frühe Hilfsmaßnahmen bieten würden. Entscheidend ist ebenso, dass sie verstehen, wie genau eine Vorhersage anhand dieser Werte ist.

„Wenn wir uns zum Beispiel dafür entscheiden, bei Eintritt einer bestimmten Vorhersagebedingung, sagen wir 60 Prozent Wahrscheinlichkeit eines Hochwassers, Alarm bzw. Hilfe auszulösen, wie häufig würden wir dann auslösen und wie oft würde das zu einem Fehlalarm führen?“

Sudanesische Kinder schwimmen im Hochwasser
Sudanesische Kinder schwimmen im Wasser, das durch Überschwemmungen herangetragen wurde. Sie sind sich der Gefahr schmutzigen Wassers und der dadurch übertragenen Krankheiten nicht bewusst. Foto: IFRC

Hochwasservorhersagen im Sudan

Für das FbF-Projekt im Sudan versuchen David MacLeod und seine Kollegen Hochwasser in Flüssen möglichst gut vorherzusagen.

„Dafür ziehen wir neben den Vorhersagen der Pegelstände, die uns hydrologische Modelle liefern können, auch die Niederschlagsmengen in Betracht.“

Das Team berücksichtigt dabei mehrere Informationsquellen, etwa Niederschlagsvorhersagen des sudanesischen Wetterdienstes, Stromabflussvorhersagen des Ministeriums für Bewässerung und Wasserressourcen, aber auch Vorhersagen regionaler Klimadienstleister und globale Hochwasservorhersagen.

Sudanesischer Mann mit Boot am Fluss
Auch Sallah Adeen Mahjoub aus Wawisty West war von den Überschwemmungen in Khartum 2020 betroffen. Der Landwirt im Ruhestand musste zusehen, wie die Flut die Häuser des Dorfes wegspülte.

Herausforderungen im Sudan

David ergänzt: „Das Vertrauen in das Auslösemodell ist stärker, wenn die Beteiligten ein Verständnis für den Grad der Prognosefähigkeit haben. Dies wiederum wird besser, wenn Beobachtungsdaten für die Bewertung der Vorhersage verfügbar sind. Bei Pegelstandsvorhersagen kann das eine Herausforderung sein. Aus diesem Grund arbeiten wir im Sudan mit Partnern zusammen, um Daten gemeinsam zu nutzen. Der gemeinsame Datenpool kommt allen Beteiligten zugute – wir haben eine bessere Datengrundlage, während unsere Partner unsere Daten ebenfalls nutzen können und bei einigen ihrer Projekte Unterstützung erhalten, etwa personell oder technisch.“

Darüber hinaus hängen die Vorhersagen in Bezug auf Flüsse entscheidend von den Abflussdaten flussaufwärts ab. Internationale Vereinbarungen zum Datenaustausch – oder deren Fehlen – sind deshalb ein wichtiger Aspekt, den David MacLeod und sein Team bei ihrer Arbeit berücksichtigen müssen, erklärt der Experte.

„Mein Wissen für einen wichtigen praktischen Nutzen einzusetzen, ist sehr motivierend.“

Nachdem David mit allen wichtigen Beteiligten die Daten zusammengetragen und den Schwellenwert für Hochwasser in Flüssen evaluiert hat, berät der Experte den Roten Halbmond und relevante Interessensgruppen zur Verwendung der Prognosen im endgültigen Triggermodell, wenn sie – darauf aufbauend – ein Frühwarnprotokoll entwickeln und einreichen.

„Ich mag es, zu helfen“, sagt Dave MacLeod über seine Arbeit. „Die Möglichkeit, mein Wissen für einen wichtigen praktischen Nutzen einzusetzen, ist sehr motivierend.“

Bald wird seine Arbeit dazu beitragen, dass gefährdete Menschen sich mit Hilfe des Sudanesischen Roten Halbmondes frühzeitig und wirkungsvoll vor Hochwasser schützen können.

Sudanesische Rothalbmond-Freiwillige in Einsatzkleidung im Zelt
Freiwillige Ewan Fadlallah Mukhtar, 2020: „Ich engagiere mich, weil es mich glücklich macht und ich die Chance bekomme, das Leben der Menschen zu verändern. Ehrenamt ist für mich Leidenschaft. Ich empfinde ein starkes Mitgefühl für die Betroffenen, und es ist lohnend für mich, ihnen helfen zu können. Ich habe erlebt, was diese Menschen jetzt erleben. Ich selbst habe letztes Jahr bei der Flut alles verloren und wurde von den Freiwilligen des Roten Halbmonds unterstützt. Ich war damals dankbar, ihre Hilfe zu erhalten, und ich möchte sie weitergeben. Ich weiß, wie wichtig es ist, in einer Stunde der Not eine helfende Hand zu bekommen.“

Erfahren Sie mehr über das Projekt:

» www.drk.de/hilfe-weltweit/wo-wir-helfen/afrika/sudan-vorausschauende-humanitaere-hilfe

» www.drk.de/hilfe-weltweit

» www.anticipation-hub.org

» weitere Blogbeiträge zu diesem Projekt

Fotos: Anette Selmer-Andresen/IFRC; Privat, Sudanesischer Roter Halbmond;

Text: Marina Schröder-Heidtmann

Geschrieben von:

DRK-Team
Als DRK-Team stellen unter anderem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Online-Redaktion des Deutschen Roten Kreuzes Persönlichkeiten oder Schicksale vor und führen Interviews.

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