Frau in Bangladesch holt Wasser an überfluteter Pumpe

Bangladesch im Klimawandel: So passen sich die Menschen an das steigende Wasser an

Am 24.11.2021

Frau in Bangladesch holt Wasser an überschwemmter Pumpe

Dramatisch wirkt sich der Klimawandel auf die Bevölkerung der Küstenregionen in Bangladesch aus. Dort versuchen Millionen von Menschen, sich an die steigenden Fluten anzupassen, etwa indem sie von der Landwirtschaft auf Fischerei umsatteln. Viele haben bereits begonnen, ins Landesinnere umzuziehen, denn das steigende Wasser bedroht nicht nur Wohnungen und Lebensgrundlagen, sondern auch die Trinkwasserversorgung. 

Renuka Rani Mandal, 37, Einwohnerin von Koira, im Distrikt Khulna im Südwesten Bangladeschs, verlor ihr Haus während des Zyklons Yaas im Mai 2021. Sie lebt in einer kleinen, prekär auf einer Böschung errichteten Unterkunft. Dieses kleine Haus ist die letzte Zuflucht, die ihre Familie hat.

Renukas Familie wurde bereits viermal vertrieben und hat jedes Mal alles verloren, was sie besaß. Jeden Tag macht sich Renuka deshalb Sorgen über das stetig steigende Wasser. Die Umsiedlung ins Landesinnere scheint die einzige sichere Option zu sein, um ihre Familie vor den Folgen des Klimawandels zu schützen.

Frau in Bangladesch auf Damm schaut auf Hochwasser
Der Lebensraum schwindet, wenn der Wasserpegel immer weiter steigt, so wie hier wo Renuka Rani Mandal jetzt wohnt.

Am 26. Mai dieses Jahres schwemmten die starken Sturmfluten des Zyklons Yaas den Damm weg, der das Dorf Gantirgheri in Koira schützt, und überflutete damit das gesamte Dorf.

Das war nicht das erste Mal. Die Dorfbewohner machen sich Sorgen, dass sich das Klima ändert und dass sie immer öfter mit solchen Gefahren konfrontiert werden. Auch Farooq Hossain Gazi, 48, wurde schon mehrmals wegen schwerer Stürme aus seinen Häusern vertrieben.

Mann in Bangladesch zeigt schwimmende Kiste

„Ich habe alles verloren, als der Zyklon Aila im Jahr 2009 zuschlug. Da ich keine andere Möglichkeit hatte, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, ging ich mit meiner Familie nach Indien. Nach elf Jahren kehrte ich in mein Dorf zurück und baute mit meinen Ersparnissen ein kleines Haus. Dieses Haus wurde während des Zyklons Amphan vom Meerwasser überflutet. Und nur ein Jahr später fegte der Zyklon Yaas mein Haus weg und ließ mich am Boden zerstört zurück. Häufige Katastrophen lassen uns immer wieder in Not geraten. Wie oft kann ich mein Leben noch neu aufbauen?“

Trinkwasserkrise durch versalzenes Grundwasser

Der Klimawandel hat in den Küstengebieten im Süden Bangladeschs außerdem zu einer Trinkwasserkrise geführt, da das Meerwasser immer häufiger große Gebiete überschwemmt.

Frau und Mann in Bangladesch auf einem Boot
Mehr als 30 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und etwa die Hälfte muss salzhaltiges Wasser trinken oder Trinkwasser umständlich per Boot beschaffen.

Mehr als 30 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und etwa die Hälfte muss salzhaltiges Wasser trinken. Viele müssen jeden Tag mit dem Boot fahren, um Trinkwasser zu holen. Häufige Wirbelstürme verschlimmern die Trinkwassersituation.

Frau in Bangladesch holt Wasser an überfluteter Pumpe
Jeden Tag versucht Ratna Mandal in einem Küstendorf im Süden Bangladeschs, Trinkwasser aus einem versinkenden Brunnen zu holen.

Die meisten Röhrenbrunnen in den Dörfern um Gantirgheri im Bezirk Khulna stehen seit dem Zyklon Yaas vor sechs Monaten unter Wasser. Diese Brunnen sind dadurch unbrauchbar geworden.

Gemeinsames Bauen von Dämmen

Hunderte von Menschen im Süden Bangladeschs, darunter auch im Dorf Harishkhali in Satkhira, bauen freiwillig Dämme, um den Anstieg des Meeresspiegels aufzuhalten und ihre Gemeinden vor den regelmäßigen schweren Stürmen zu schützen.

Menschenkette im Morast in Bangladesch
Der Bau von „Ringdämmen“ durch Freiwillige ist zu einem festen Bestandteil des Lebens in den katastrophengefährdeten Gebieten im Süden Bangladeschs geworden.

Die Menschen in diesem Gebiet kommen vor und nach Klimakatastrophen zusammen, um die Dämme zu bauen bzw. wiederaufzubauen. Diese „Ringdämme“ sind eine Alternative zu Dämmen und Deichen, die aufgrund des Klimawandels regelmäßig brechen und sollen den Anstieg des Meeresspiegels vorübergehend aufhalten.

Das Haus von Abdur Rob Mridha, 70, Fischer aus dem Bezirk Barguna, liegt auf der Meeresseite des Dammes. Abdurs Familie ist eine von Tausenden, deren Häuser in dieser Gefahrenzone liegen, die jedes Jahr von Zyklonen und Stürmen getroffen wird.

Mann in Bangladesch mit Netz vor Schilfhütte
Auf einem Schlammhügel gelegen, ist Abdur Robs Haus der steigenden Flut des Klimawandels ausgesetzt.

Abdur erinnert sich an den Zyklon Sidr, einen der tödlichsten Zyklone aller Zeiten, der 2007 rund 10.000 Menschenleben forderte.  Der Fischer wurde damals von den Wellen mitgerissen und überlebte nur knapp.

Die großen Fischergemeinschaften in den Küstenregionen Bangladeschs gehören aufgrund ihrer oft prekären finanziellen Situation mit begrenztem Einkommen zu den am stärksten von der Klimakrise betroffenen Bevölkerungsgruppen.

Die Warnsysteme haben sich in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert, dennoch leben die Fischer in der Angst, bei Stürmen von der schweren See mitgerissen zu werden.

Von der Bäuerin zur Fischerin oder Tagelöhnerin

Rita Rani Sarkar hat in den letzten Monaten eine neue „Karriere“ als Fischerin begonnen. Zuvor besaß die Familie ein Stück Ackerland, das Rita und ihr Mann bewirtschafteten. Die Landwirtschaft in ihrem Küstengebiet ist aber nicht mehr möglich.

Portrait einer Frau in Bangladesch

Nach dem Zyklon Yaas im April verlor die Familie ihr Haus und musste eine kleine Hütte auf einer erhöhten Böschung im Dorf Gantirgheri errichten.

Auch die frühere Bäuerin Sushila sagt, dass früher viele Lebensmittel von diesen fruchtbaren Böden stammten, die die Küstengemeinden das ganze Jahr über versorgten. Doch im Jahr 2020 zerstörte der Zyklon Amphan das Land. Jetzt haben Sushila und ihre Familienmitglieder das Glück, Gelegenheitsarbeit als Tagelöhner zu finden, damit sie etwas Geld haben, um sich Lebensmittel leisten zu können.

Frau in Bangladesch zeigt auf Wasser
Sushila Rani Baulia, eine Bewohnerin des Bezirks Khulna, zeigt auf ein Gebiet, das früher Ackerland war. Jetzt ist es Teil des Golfs von Bengalen geworden.

In den vergangenen sechs Monaten, seit der Zyklon Yaas ihr Küstendorf in Bangladesch heimsuchte, lebte die 60-jährige Ahladi Rani Sarkar in einer kleinen, behelfsmäßigen Hütte an einer Böschung. Es ist das zweite Mal in den letzten zehn Jahren, dass Ahladi Rani in einer solch prekären Unterkunft auf einem Schlammhügel gestrandet ist, ungeschützt den Elementen ausgesetzt.

Jedes Mal, wenn ein Sturm aufzieht, fürchtet Ahladi Rani, dass wieder alles fortgeschwemmt  wird.

„Es sah nicht immer so aus. Hier war ein Feld voller grüner Pflanzen. Es gab Reisfelder im Überfluss. Unser Reisfeld lieferte uns genug Nahrung für das ganze Jahr. Aber diese Situation hat sich völlig verändert.“

Seniorin in Bangladesch schaut aus ihrer Bmbushütte

Fotos: Rafiqul Montu/Bangladeschischer Roter Halbmond/ IFRC | Text: Sajid Hasan, Rafiqul Montu | Bearbeitung: Antony Balmain
Englische Version: https://ifrc.exposure.co/survivingrisingseas

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